Wie Glück entsteht

Wie Glück entsteht

Wie Glück entsteht
oder: Warum ich neuerdings einen Apfel esse

Wenn ich einen Apfel esse, dann ist das nicht der Rede wert. So wichtig bin ich nicht. Vermutlich ist es bei keiner Person der Rede wert – zumindest habe ich noch nie davon gehört, dass selbst bei berühmten Personen davon berichtet wird. Man hört zwar über manche Peinlichkeit, auch über große Banketts und andere Besonderheiten, doch von einem Apfel, der gegessen wurde, war bisher meines Wissens noch nie die Rede. Ist ja auch eine gewöhnliche Sache.
Ich werde aber dennoch darüber schreiben.
Aber ich fange mal von vorne an.

Ich komme aus einem Dorf und bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Das hat mich sehr geprägt und ich bin froh über meine Kindheit und die Erfahrungen, die ich dort machen durfte. Das Erleben der Jahreszeiten, der Duft der Ernte und vieles andere haben mich geprägt. Wir hatten auch einen so genannten Appelhof – die Plattdeutsche Version für Apfelhof oder Obstwiese. Denn auf dieser Wiese standen nicht nur Apfelbäume, sondern auch Birnen- und Pflaumenbäume.
Um es kurz zu machen: Wir mussten nie Obst kaufen, sondern bekamen immer eigenes Obst. Ein Umstand, den ich zu Kindeszeiten weniger wohlwollend wahrnehmen konnte denn als erwachsener Mann.
Daher rührt vermutlich auch eine gewisse Abneigung gegenüber Äpfeln. Sie sind mir meistens zu sauer und wenn sie süß sind zu süß. Mit anderen Worten: Die Äpfel können es mir nicht recht machen.
Und dabei ist es geblieben. Im Müsli kann ich einen Apfel gut haben, da schmecke ich ihn nicht so stark, aber aufgeschnitten und einzeln gegessen ist er mir ehrlich gesagt ein Graus.

Und plötzlich esse ich wieder einen Apfel – jeden Tag einen und ich mag ihn immer noch nicht. Aber warum tu ich das? Davon möchte ich jetzt berichten.
Lass mich etwas ausholen.

Wie entsteht Glück?

Hast Du Dir diese Frage schon einmal gestellt? Was brauchst Du, um glücklich zu sein? Etwas Geld? Freunde? Einen Job? Was sind die Zutaten Deines Glückes? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Intuitiv werden viele von uns alle materiellen Dinge ablehnen als nicht glücksrelevant. Aber wie schnell ist es um unsere Gemütsverfassung geschehen, wenn es keine Kinokarte mehr gibt für den Film, auf den ich mich so gefreut habe,
wenn man mir die Vorfahrt nimmt,
den Parkplatz,
wenn der Kollege den letzten Kaffee getrunken aber keinen neuen aufgesetzt hat,
wenn ich unfreundlich behandelt werde,
wenn die Bahn (mal wieder) unpünktlich ist,
wenn ich im Stau stecke,
wenn der Aufzug streikt oder
wenn die Waage ein wenig zu schnell nach oben schnellt, nachdem ich mich darauf gestellt habe?

Unser Glück ist abhängig.

Und da liegt auch schon der Hase im Pfeffer. Wir machen unser Glück abhängig von äußeren Dingen – das zeigt sich immer dann, wenn es schief läuft. Auch wenn nicht gleich eine Lebenskatastrophe über uns hineinbricht, so sinkt unsere Stimmung doch in den absoluten Keller.
Unser ganzes kapitalistisches System ist darauf aufgebaut, dass es mir gut geht und dass dieses Wohlgefühl durch Dinge geschieht, die ich kaufen kann und damit von außen kommen.
Während ich dies schreibe, schaue ich auf die Fensterfront eines Möbelgeschäftes, das sich den Slogan gegeben hat “So will ich leben!”. Gemeint sind damit die entsprechenden Betten, Tische, Stühle, Liegelandschaften, Sessel und Schreibtische des Möbelgeschäftes. Das Wie des Lebens wird an den Möbeln festgemacht.

Und was ist das Problem?

Natürlich kann man das machen und schöne Möbel zu haben ist nun wirklich nichts, was man verteufeln oder ablehnen sollte. Es ist gut, wenn wir uns mit schönen Dingen umgeben. Und wenn Du es Dir leisten kannst mit teuren und schönen Dingen zu leben, dann erfreue dich daran.
Das Problem ist aber, dass diese Möbel alle endlich sind. Sie können aus unserem Leben verschwinden. Es kann sein, dass Du alles verkaufen musst, weil Du pleite bist. Es kann sein, dass jemand einbricht und Deine ganze Wohnung ausräumt, oder es kann sein, dass es brennt und alles wird vernichtet.
Alles was Du kaufen kannst, kann vergehen. Und es kommt noch schlimmer. Es ist sogar sicher, das alles vergehen wird. Du wirst eines Tages alles verlieren, nämlich dann, wenn Du sterben wirst. Zu diesem Zeitpunkt hast du nicht mehr als der Obdachlose in der Innenstadt. Und das ist erst der späteste Augenblick.
Alles kann uns verloren gehen. Und hin ist das Glück.

Wie findet man wahres Glück?

Stellt sich die Frage, wie es möglich ist, glücklich zu sein, egal was passiert. Wie ist es möglich glücklich zu sein, auch, wenn man plötzlich arm wird, wenn ich unvermittelt im Stau stecke, wenn andere mich unfreundlich behandeln? Es wäre doch eine unglaubliche Freiheit, wenn mein Glück nicht vom Verhalten anderer abhinge, sondern, wenn ich es aus mir selbst heraus generieren könnte, oder? Meine Erwartungen an andere würden deutlich sinken, niemand wäre mehr für mein Wohlergehen verantwortlich, nur ich allein.
Wäre das nicht Glück? Möchtest Du in dieser Art und Weise glücklich sein?

Glück aus mir selbst heraus

Ich suche also nach dem Glück aus mir selbst heraus. Und jetzt kommt der Apfel ins Spiel. Ich habe überlegt, dass ich lernen möchte, alte Bewertungen außer Acht zu lassen und zu überwinden. Ich will meine Grenzen ein wenig erweitern und mich mit etwas beschäftigen, was ich nicht mag. Es sollte nicht gleich etwas sein, was mich überfordert und zu viel Widerstand mobilisiert. Man muss es sich ja auch nicht unnötig schwer machen.
Ich verspreche mir davon, mich Schritt für Schritt an Dinge zu gewöhnen, die ich nicht mag. Ich möchte daran lernen auch dann zufrieden zu sein, wenn die Umstände es für mich nicht nahelegen, auch dann noch genießen, wenn ich einen Apfel essen muss (warum auch immer). Ich will sozusagen unabhängig vom Apfel werden und mein Wohlergehen nicht davon abhängig machen, ob wir gerade Äpfel im Haus haben oder Mandarinen.
So esse ich also jeden Tag einen Apfel (manchmal sogar zwei!) und versuche mich aller Urteile zu enthalten. Ich will nicht von sauer oder süß sprechen, nicht von lecker oder nicht lecker. Ich will den Apfel so schmecken, wie er gerade ist und schmecken, jenseits von gut oder schlecht, von mag ich oder mag ich nicht.

Während eines Retreats der buddhistischen Vipassana-Meditation bekommen die Teilnehmenden am Mittag die letzte Mahlzeit – und die ist auch nicht üppig bemessen. Danach gibt es nur noch Wasser und Tee. Das soll keine Form der Qual werden, sondern genau diesem Ziel dienen. In der Wachheit der Wahrnehmung zu bleiben, heraus zu finden aus den Automatismen unserer Urteile und Reaktionen und dann merken, mit wie wenig wir auskommen, dass unser Wohlergehen nicht von äußeren Bedingungen abhängt – zumindest nicht von einem Apfel oder einer Mahlzeit am Abend.
Wir werden spüren, wie frei wir sind.

Der erste Schritt

Vielleicht hast Du Lust, es so zu machen wie ich. Überlege Dir eine einzige Sache, die Du nicht so gerne machst oder magst und integriere sie in Deinen Alltag.
Enthalte Dich jeglicher Urteile, dränge alle üblichen Bedenken und Vorurteile zurück und begib Dich in die Situation. Bleib bei Deiner Wahrnehmung – Schritt für Schritt. Das Ziel ist nicht, dass Dir die Sache plötzlich Spaß macht oder Du nun etwas magst, was Du vorher nicht mochtest. Das Ziel ist es. unabhängig zu werden von den äußeren Dingen und zu erkennen, es gibt ein Reich jenseits von gut und böse, von lecker und nicht lecker und dieses Reich ist voller Glück.

DAVID

  • Helga sagt:

    Zum Gluecklichsein gibt es fuer mich wohl kein eindeutiges Erfolgsrezept..
    Wichtig ist letztlich, dass ich nicht neidisch auf Erreichtes anderer bin, mich nicht mit anderen vergleiche, sondern dass ich vielmehr mit mir selbst und meinem Leben einverstanden bin- oftmals nicht ganz leicht!
    Inzwischen habe ich aber gelernt, dass diese innere Halting, mit sich im Reinen zu sein, am ehesten dauerhaftes Glueck bewirkt, nach dem wir uns ja sehnen.