Wege zur Selbsterkenntnis

Wege zur Selbsterkenntnis

Über dem berühmten Orakel von Delphi stand die Aufforderung: Erkenne Dich selbst! Von jeher gehört Selbsterkenntnis zur Spiritualität und zu einem vertieften Wissen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Spiritualität immer auch ein Tun ist, ein Lebensstil, und wo das Tun und Verhalten in den Fokus gerät, muss immer auch die Frage gestellt werden, inwieweit mein Verhalten gut oder falsch ist. Um das zu erkennen, benötigen wir Selbsterkenntnis.
Aber nicht nur deshalb. Spiritualität ist nicht denkbar ohne die Begegnung mit sich selbst. Man kann nicht spirituell leben und sich gleichzeitig fremd sein – das geht nicht.
Zumindest geht das nicht, wenn man davon ausgeht, dass Gott in unserem Inneren wohnt. Wer also von seinem eigenen Inneren keine Ahnung hat, wie will er oder sie dann Gott darin entdecken? Wer keinen Zugang zu sich hat, wird es auch schwer haben, zu Gott zu gelangen – da bleibt dann nur der Glaube an Glaubenssätze übrig. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, führt nur leider nicht weiter.
Wir brauchen heute einen Glauben, der auf Erfahrung gegründet ist, auf echter spiritueller Erfahrung. Umso wichtiger wird es, den Zugang zu sich selber zu haben und dazu gehört Selbsterkenntnis.

Der Weg des Bewusstseins

Man kann sich den Weg des Menschen auch als einen Weg vorstellen, wo uns immer mehr von uns selbst bewusst wird. Unsere Fähigkeiten und unser Unvermögen, unsere Sehnsüchte, unser Körper, unsere Beweggründe, Werte, ja, und Gott selber – denn auch Gott kann uns, wenn er ein Teil unseres Inneren ist, aus dem Bewusstsein geraten und unbewusst werden.
Je mehr mir bewusst wird, umso mehr Einfluss habe ich auf mein Handeln und kann es ggf. verändern. Und die Veränderung unseres Verhaltens gehört immer mit zu einer echten Spiritualität, die nicht in einer Geistigkeit stecken bleiben will, sondern bis tief in den Alltag reichen möchte.
Deshalb steht auch heute noch über unser aller Leben der Satz: Erkenne Dich selbst!

Wie aber kann uns das gelingen?

Natürlich, es gibt Therapien, Kurse und Seminare, Retreats und vieles andere mehr. Der Markt der Möglichkeiten ist riesig, wenn es um Selbsterkenntnis oder, wie es auch heißen kann, wenn es um Selbsterfahrung geht. Doch ist Selbsterkenntnis nicht mit einem oder zwei Wochenenden getan – es ist ein lebenslanger Prozess, den Du nie wieder los wirst. Dafür aber wirst Du Dich immer besser kennenlernen, Dein Leben besser bestimmen und tiefer erleben und erfahren können.

Ich möchte Dir hier 6 Wege zur Selbsterkenntnis vorstellen, die Dir dabei helfen können, Dich selber zu erfahren. Wichtig ist, dass Du dran bleibst, nicht aufgibst und nicht sofort die großen Veränderungen und Erkenntnisblitze erwartest. Dann aber wirst Du voranschreiten und nach und nach Erfolge verbuchen können.

1. Scanning-Methode

Eine der ganz klassischen Methoden ist das Scanning. An sich eine sehr einfache Methode. Du beginnst nämlich Deine Gedanken zu beobachten und zwar urteilsfrei. Du erlaubst Dir also alles zu denken und nimmst deine Gedanken wahr.
Aber so einfach es klingt, so schwer ist diese Übung letztlich. Denn ohne Urteil zu denken ist gar nicht so leicht. Wie schnell verbieten wir uns bestimmte Gedanken und unterdrücken sie.
Wenn Du Dich aber kontinuierlich darin übst, wird es Dir immer besser gelingen und Du wirst Dich durch Deine Gedanken besser kennenlernen.

2. Automatisches Schreiben

Diese Methode ist eine Variante des Scannings. Denn hier schreibst Du alle Gedanken auf, die Dir in den Sinn kommen. Du nimmst Dir zwei oder drei Minuten Zeit und beginnst wirklich alles aufzuschreiben, ohne über die Gedanken und das Aufgeschriebene nachzudenken. So entsteht natürlich ein wirrer Text – wie unsere Gedanken wirr sind – aber Du wirst immer besser Deine tiefsten Wünsche und Gedanken erkennen. Eine wirklich spannende Methode.

3. Träume aufschreiben

Träume sind die Via Regi der Selbsterkenntnis, so fasste es zumindest Siegmund Freud auf. Denn Träume sind per se Material des Unbewussten und so kannst Du über die Bilder Deiner Träume sehr gut an unbewusstes Material kommen.
Ich habe erlebt, dass allein das Aufschreiben der Träume jeden Morgen schon dabei hilft, mehr mit den eigenen Träumen anfangen zu können. Mit der Zeit wirst Du spüren, wie die Energie der Träume in Deinen Alltag im besten Sinne hineinreicht und Dich belebt – auch ganz ohne Interpretation. Du wirst in den Träumen auch Ähnlichkeiten erkennen und grobe Linien, die viel über Dich aussagen können.

4. Motivations-Scanning

Eine der wichtigsten Fragen in der Persönlichkeitspsychologie ist die Frage nach unserer Motivation, also danach, warum wir bestimmte Dinge tun. Motivation ist Handlungsenergie, aufgeladen mit unseren Sehnsüchten und Werten. Über Deine Motivation erkennst Du Deine tiefen Beweggründe.
Deshalb frage Dich im Laufe des Tages immer wieder: Warum tu ich das jetzt? Vor allem bei unangenehmem Verhalten oder Reaktionen kann diese Frage sehr erhellend sein.
Aber auch bei banalen Dingen:
Warum kaufe ich jetzt Kuchen?
Habe ich Hunger?
Will ich mich belohnen?
Hatte ich Stress und brauche einen Ausgleich?
Wie bei allen Methoden zur Selbsterkenntnis ist es notwendig, sehr ehrlich zu sich zu sein, sonst brauchst Du erst gar nicht anzufangen.

5. Spiegel-Frage

Die Amerikanerin Byron Katie hat vor vielen Jahren eine einfache (naja einfach im Erklären, nicht in der Durchführung, das gilt für alle Methoden der Selbsterkenntnis) Methode der Selbstveränderung entwickelt, die an der Selbsterkenntnis ansetzt. Letztlich geht es dabei um einige Fragen, die man sich stellen soll und die zu einer Verhaltensänderung führen, die schließlich darauf beruht, die Realität anzunehmen, wie sie ist.
Es beginnt damit, dass man aufschreibt, was einen gerade stört oder was man verändern will.
Danach geht man die Fragen durch. Dabei hat es eine Frage in Bezug auf unser Thema besonders in sich.
Man soll nämlich den Satz umdrehen.
Beispiel:

Meine aktuelles Problem:
Ich will, dass mein Gegenüber mir besser zuhört.

Die Umkehrung:
Mein Gegenüber will, dass ich ihm besser zuhöre.
Ich will, dass ich mir besser zuhöre.

Manchmal ist es wirklich verblüffend, dass die Umkehrung das eigentliche Problem zeigt.

6. Mindmapping

Ich habe auch gute Erfahrungen mit Mindmaps gemacht, um mich selber besser zu erkennen. Diese grafische Darstellung von Assoziationen kann Dir helfen, Klarheit über Fragen, Probleme, Aufgaben und Begriffe zu bekommen. Nimm einfach einen Begriff oder eine Frage Deiner Wahl und beginne Deine Assoziationen dazu zu finden und aufzuschreiben. Du kannst auch gut eine Mindmap zu Arbeitskollegen oder Freunden machen, um Dir über Gefühle und Einstellungen klar zu werden. Oder mach doch mal eine Mindmap zu Dir selber.
Manchmal hilft es, wenn man den Prozess des Erstellens einer Mindmap über mehrere Tage macht und sich dann das Ergebnis in Ruhe anschaut.

Sicherlich gibt es noch viel mehr Wege zur Selbsterkenntnis – falls Dir eine einfällt, dann schreibe sie als Kommentar dazu.
Ich kann Dir nur empfehlen und sehr anraten, gezielt an Dir zu arbeiten und Dich immer besser kennen zu lernen. Der Zuwachs an Zufriedenheit und innerer Fülle ist wirklich großartig.

DAVID