Diese 4 Mythen des spirituellen Lebens solltest Du kennen

Die spirituelle Szene ist ausgesprochen vielfältig, bunt, gegensätzlich, reich an Unterschieden und verschiedenen Ansätzen, Methoden und Zielen. Da gibt es den großen Bereich derer, die mit Engeln arbeiten, mit Energien, mit himmlischen Wesen, mit irdischen Naturgeistern. Es gibt die strengen Zen-Lehrer und minimalistischen Dojos, die verschiedenen Heilungswege, die Mystik, die Religionen, die Anthroposophie und vieles mehr. Ein Blick in die größeren Buchhandlungen zeigt, wie groß die Vielfalt ist.
Dennoch gibt es zwischen vielen Szenen und Bereichen Gemeinsamkeiten, gibt es ähnliche Haltungen und Bestrebungen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden


Ich erlebe das immer wieder, wenn ich in bestimmten Facebook Gruppen etwas poste, dann bekomme ich manchmal reflexartig den herablassenden Hinweis, dass die Welt nur Täuschung ist, dass die Dualität überwunden werden muss und vieles mehr. Manchmal erlaube ich mir gerade deshalb etwas zu posten, damit das Spiel von vorne beginnt und die Immer-Gleichen sich wieder in Kommentaren auslassen können.


Ich möchte Dich in diesem Artikel auf vier Mythen aufmerksam machen, die ich sehr oft antreffe und die fast einen dogmatischen Status haben (oft von denen, die alle Dogmen ablehnen). Dabei möchte ich gleich betonen und werde das gewiss im weiteren Verlauf dieses Artikels auch noch ein paarmal wiederholen, dass ich diese Mythen nicht gänzlich ablehne, lediglich die Ausprägung und Unerbittlichkeit heiße ich nicht gut.

1. Mythos: Du brauchst einen Guru


Gurus und spirituelle Meister (inzwischen zum Glück auch immer mehr Meisterinnen) gibt es viele und in allen Richtungen, Konfessionen und Religionen. Im christlichen Kontext spricht man von geistlichen Begleiter*innen, denen man sich anvertraut und die einem helfen sollen, Fragen des Lebens und Glaubens anzugehen, um in eine vertiefte Spiritualität hineinzuwachsen.


Das ist auch soweit gut und wichtig. Es braucht Erfahrenere, die einem helfen auf den eigenen Weg zu kommen, so zu meditieren, dass es mir wirklich hilft und meinem Rücken nicht schadet, die eigenen blinden Flecken zu erkennen, mein Denken und meine Grundannahmen über mich, Gott und die Welt zu hinterfragen.


Was ich aber problematisch finde beginnt immer dann, wenn solche (ich bleibe jetzt einmal bei diesem Wort und in der männlichen Variante) Gurus sehr viel Macht bekommen, wenn sie nicht hinterfragt werden dürfen, wenn eine Art von Klerikalismus entsteht (ja, den gibt es auch außerhalb der Katholischen Kirche). Sie kleiden sich gerne in Orange, in Schwarz, in Weiß, in langen Roben, kurz geschorenes Haar, ändern ihren Namen, sitzen manchmal tatsächlich wie in einem Thronsaal und man darf sich ihnen nur in großer Ehrfurcht nähern.


Ich habe nichts gegen besondere Kleidung und das Ändern des Namens - ich habe als Mönch selbst meinen Namen geändert und trage manchmal besondere Kleidung. Mir kommt es nicht auf die Sache an sich an, sondern auf die Bedeutung, die man solchen Äußerlichkeiten gibt. Im Kloster gibt es den Spruch, dass der Habit (Mönchskleidung) den Mönch nicht macht.


Auch wenn dieser Spruch richtig und wichtig ist, habe ich dennoch oft den Eindruck, dass die Kleidung und der besondere Name sehr wichtig sind.
Solche äußeres Zeichen sind Ausdruck für eine innere Haltung. Und diese innere Haltung entsteht aus dem Narzissmus, dessen Grundlage ein schwaches Ich ist. Ein solcher Mensch katapultiert sich aus dieser Schwäche in ein grandioses Ich, das verehrt wird und in der ersten Reihe sitzen darf. Er wird gesondert begrüßt und hat immer eine herausgehobene Position. Man ist halt etwas Besonderes.
Und dabei soll man doch an nichts anhaften ...


2. Mythos: Die Welt ist nur eine Täuschung

Ohne Zweifel, die Welt ist vergänglich, sie vergeht und wird eines Tages nicht mehr in dieser Form existieren. Insofern kann man auch sagen, dass die Welt eine Täuschung ist - Maya, wie es im Hinduismus heißt. Daher hat es eine lange Tradition, die Menschen darauf hinzuweisen, das Herz nicht an vergängliche Dinge zu hängen, sondern an unvergängliche. Daraus ist auch die Idee vom klösterlichen oder mönchischen Leben entstanden. Die Mönche und Nonnen wenden sich dem Vergänglichen gegenüber ab und dem Ewigen im Leben zu.

 
Für mich ist es dabei wichtig, dass ich diese Welt transzendiere, dass ich lerne, auf diese Welt zu blicken und dabei im Vergänglichen das Ewige erkennen. Das ist ein Übungsprozess der, wenn er gelingt, zu einer enormen Tiefe im Umgang mit dieser Welt führt und zu einem Hineingenommensein in die göttliche Sphäre.


Ich erlebe jedoch oft, dass der Hinweis darauf, dass die Welt vergänglich ist - eine Täuschung ist, dazu führt, dass über diese Welt nicht mehr gesprochen werden darf, dass sich jegliches Wort darüber verbietet. Und mit Welt sind vor allem alles Leiden, alle Ungerechtigkeit, alle Krankheiten gemeint.

 
So aber wird erlebtes Leid bagatellisiert und als nicht existent betrachtet.
Zudem wird diese Welt rundweg abgelehnt, es wird eine große Distanz aufgebaut, die letztlich in Ignoranz und Arroganz mündet. Lösungen für Fragen des Klimawandels, des Hungers in der Welt, des Missbrauchs und vieles andere sind aus dieser Haltung heraus nicht zu erwarten.


Ich schätze daher die Bewegung des engagierten Buddhismus, ich schätze die Bodhisattvas, die auf das Eingehen in das Ewige verzichten, und zurück in die Welt gehen, um allen anderen Wesen auf dem Weg der Erlösung zu helfen.
Ich liebe es auf der Erde zu sein, auch wenn ich weiß, dass das alles vergänglich ist. Aber ich liebe dennoch den Sonnenaufgang, das wunderbare Glas Rotwein, meine Katzen und Freunde.



3. Mythos: Höre nur auf das Herz

In dieser Welt spielt Rationalität eine sehr starke Rolle. Die klassische Wissenschaft ist ein Ergebnis dieser Rationalität. Doch unsere Ratio verhilft uns nicht zu einem sinnvollen Leben, die richtige Partnerin oder den richtigen Partner zu finden, zu genießen, mein Herz zu öffnen… Ich bin der festen Meinung, dass uns die reine Rationalität oder Vernunft auch nicht aus den Krisen dieser Zeit wird führen können. Es ist eben jenes rein rationale Denken, ohne Seele und Herz, das uns erst in diese Situation gebracht hat, dass wir unsere Natur als etwas Getrenntes von uns sehen und nicht mehr als etwas Sakrales.

Wir brauchen mehr Seele, mehr Herz, wir müssen zurück finden zu einer aufgeklärten Form die Natur spirituell zu erfahren. Rationalität kennt keine Hochachtung, kennt nur falsch oder wahr.
Aber zu sagen, dass man daher nur noch auf das eigene Herz und auf die eigenen Gefühle hören soll halte ich für völlig überzogen. Wir brauchen die Ratio und unser Denken dafür, um Dinge zu überprüfen. Wenn ich ein Vorhaben habe, dann sagt mir die Ratio, ob ich das schaffen kann, genug Zeit habe, genügend Ressourcen usw. Mein Denken ist es, das mir zeigt, ob bestimmte Dinge und Prozesse funktionieren können.


Das Denken ist eine zusätzliche Schleife, die wir nehmen sollten, um unsere Pläne, Vorhaben und Einstellungen zu überprüfen. Eigene Haltungen gewinnen an Kraft, wenn sie logisch sind. Das heißt für mich aber auch, dass meine Vernunft nur eine zusätzliche Unterstützung ist. Neue Lösungen und Ideen kommen von dort nicht.
Vielmehr ist es so, dass die Bewertung der Vernunft wieder an unser Herz zurück delegiert wird und von dort dann eine letzte Bewertung und eine Entscheidung kommen.
Die Ratio und die Vernunft sind wichtig, aber sie sollten nicht die Herren sein, sondern Diener.



4. Mythos: Viel hilft viel

Meditierst oder betest Du genug? Spendest Du genug? Machst Du auch alles richtig? Mit Sicherheit nicht.
Natürlich braucht es eine gewisse Zeit, um einen Gewinn aus der Meditation zu ziehen, es braucht eine gewisse Anstrengung, um auf dem spirituellen Weg weiterzukommen. Es braucht eine Art Training, um bestimmte Methoden anwenden zu können. Es erschließt sich nicht alles rein intuitiv, sondern man braucht für manches einfach Geduld, Disziplin und einen festen Willen.


Was ich jedoch ablehne ist der Leistungsdruck, dem ich oft begegne. Gerade in den Szenen, in denen Meditation eine wichtige Rolle spielt. 40 Minuten Meditation müssen es dann schon sein und das möglichst fünfmal am Tag (oder geht auch sechsmal?). Und wenn Du Dich unwohl fühlst und Du nicht vorankommst, dann meditierst Du zu wenig oder nicht richtig.


Im Kloster gilt der Mönch als der frömmste, der besonders gerne früh aufsteht, besonders lange in der Kirche sitzt, besonders demütig, still und hilfsbereit wirkt, oder aber wer gerne kniet… Das alles ist nicht falsch, doch es wird schnell eine Art Leistungsprinzip daraus und das hat in der Spiritualität nichts zu suchen.
Manchmal geschieht der Fortschritt gerade dann, wenn man locker lässt, wenn man weniger tut, dann plötzlich zeigt sich die tiefe Erfahrung und das Licht bricht ins Leben ein.

Ich könnte wohl noch weitere Mythen vorstellen und vielleicht hast Du selber noch den einen oder anderen Mythos hinzuzufügen (das kannst Du gerne unten in den Kommentaren machen).


Ich denke da zum Beispiel an manche Szenen, die von einem Menschenbild des Mangels ausgehen und nicht der Fülle. Oder das große Problem der Schuld und der Schuldgefühle, die sehr gerne vermittelt werden.


Die Spiritualität ist ein sehr gefährliches Bedürfnis, wenn es darum geht, Menschen zu manipulieren und gefügig zu machen. Und zugleich ist es ein Bedürfnis, das erst in eine wirkliche Freiheit führt und befreit.


Aber die von mir angeführten Mythen scheinen mir die derzeit Wichtigsten zu sein.
Und nochmal: Kein Mythos ist völlig falsch, es ist die Haltung dahinter, die ich ablehne, die immer dazu führt, das Wichtige oberflächlich zu verstehen.


  • Karina sagt:

    Danke danke danke

  • Egger Elsa sagt:

    Dieses Wochenende allein auf 2000 Meter habe ich soeben
    Deinen Worten gelauscht. Sie haben mich berührt. So lange schon bin ich dem Wort GNADE
    nicht mehr begegnet. Heute
    begleitet es mich in die Nacht.
    DANKE

  • Erna sagt:

    Lieber David! „Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen (Joh. 812)
    Gnade: Gott ist einfach und der Weg, den Jesus Christus zum Vater zeigt, ist ein überaus einfacher Weg. Er besteht eben in der bescheidenen demütigen unablässigen Ausrichtung auf Gott. Aber so einfach ist es wohl nicht, in deinem Video eine umfassende Zusammenfassung was so an Irrungen und Wirrungen auf dem spirituellem Weg geschehen kann, auf Falsches einlassen, quasi vom Weg abkommen, Übertreibungen etc. Du hast das in einer Dichte beschrieben und damit eine sehr gute Möglichkeit geschaffen, auch mit Verstand über den eigenen Weg nachzudenken. Wieder eine sehr hilfreiche YouLetter.

    Geistliche Begleitung: es gibt da eine wunderbare Anleitung von Ignatius von Loyola
    „Ich wäre langsam im Sprechen, würde beim Zuhören zu lernen versuchen und bliebe dabei innerlich ruhig, um Gedanken, Gefühle und Absichten der Sprecher aufzufassen und hernach umso besser zu antworten bzw. umso besser zu schweigen“

    Bleiben wir in der Nähe und Verbundenheit mit dem Herrn, erleben eine Sehnsucht auf immer vollständigerer Weise am göttlichen Leben teilzuhaben. Wir empfangen ihn in der „Inspiration“ die Einhauchung der Liebe, die leise in uns einzieht und wir geben ihn an andere weiter wenn wir mit unserer Liebe auf sie zugehen. Sowohl des Empfangens als auch des Gebens (Th.Merton) Diese Erfahrung wünsche ich dir und allen. Erna

  • Petra sagt:

    Lieber David,
    Deine ganzen Ausführungen über Mythen im NewLetter bringen es wieder einmal auf den Punkt. Der Satz „selbst wenn du es nicht schaffst wirst Du es schaffen“ lässt mich nicht mehr los, er ist wunderbar. Danke !
    Liebe Grüße Petra

    • DAVID sagt:

      Liebe Petra, ich vermute, dass es das war, was auch diejenigen ergriff, die mit dieser Botschaft Jesu erstmals in Berührung gekommen sind. Ich finde den Aspekt der Gnade eigentlich den Wesenskern christlichen Glaubens. Und ich merke aus Deinen Worten, dass diese Botschaft auch heute noch eine Kraft hat. David

  • Christine sagt:

    Lieber David, Dein Beitrag hat mich sehr angesprochen, besonders Deine Ausführungen dazu, dass diese Erde trotz aller Vergänglichkeit EXISTENT ist und unser Wirken deshalb auch sinnvolle Wirksamkeit enthalten kann. Genau so ist es. Auch Deine kurzen Ausführungen zur Gnade fand ich ansprechend und sehr gut auf den Punkt gebracht. Mir war übrigens gar nicht klar, dass es diesen Gnadeaspekt so nur im Christentum gibt …
    Ansonsten zehre ich noch von der letzten Sternzeit. Gottes Führung nicht als „klassische Führung“ zu sehen sondern als engagierte Begleitung, die sich mir über die Intuition mitteilen könnte, auf die ich frei reagieren kan, ist eine ganz neue Betrachtungsweise für mich. So fange ich mit dem Begriff der Gottesführung mal wirklich etwas an. Eine total neue Sichtweise und große Bereicherung auf meinem Lebensweg. Vielen vielen Dank dafür und beste Grüße in die Cella von Christine

    • DAVID sagt:

      Liebe Chrostine, das freut mich sehr, in Dir soviel angerührt zu haben. Letztlich gehören beide Aspekte: Gnade und Führung zusammen. Es geht immer um einen Raum der Freiheit und Möglichkeit der nicht der puren Kausalität untersteht. Das zu verstehen lernen allein ist eine Gande. David

  • Lydie sagt:

    Danke, lieber David, ein passender Beitrag…
    Im Grunde ist alles gut – durch diesen Satz habe ich dich kennen gelernt und er gilt immer noch für mich (und für meine kleine, jetzt 7-jährige Enkeltochter Irmin, die diesen Satz seinerzeit abgeschrieben hat und immer noch unter ihrem Kopfkissen hält 🙂 ).
    Das hat mit Gnade zu tun und ist für mich wegweisend.
    Ja, genau diese 4 Mythen beschäftigen mich immer wieder. Der Verstand hilft mir, entsprechend einzuordnen.

    • DAVID sagt:

      Der Satz „Im Grunde ist alles gut!“ ist eben ein Satz, den jeder und jede verstehen kann – und Kinder ganz besonders, die diesen Glauben daran meistens noch nicht verloren haben. Er strahlt wikrlich Gnade aus. David

  • Ruth sagt:

    Ganz herzlichen Dank, lieber David, du sprichst mir aus der Seele!

  • Lieber David,

    am liebsten möchte ich jeden deiner vier Punkte unterschreiben, nicht nur einmal, sondern gleich zehnmal.
    Du kannst nicht erahnen, wie sehr du mir mit deinen Gedanken aus dem Herzen sprichst!
    Vielen lieben Dank!

    Was mich aber darüber hinaus ganz tief berührt, ist dein Satz:
    Am Ende siegt immer die Gnade – die Gnade, die aus der Liebe kommt.

    Er macht mich glücklich und trägt mich!

    Liebe Grüße
    Rosmarie

    • DAVID sagt:

      Liebe Rosmarie, die Gnade ist mit das Kostbarste des Chrustentums und beinhaltet für mich in ihrer Ausfaltung den Kern des Christentums.
      David

      • blue sagt:

        Herrlich, ich schmeiß mich weg… mir rollen die Lachtränen… manche Buchstabenverfitzler sind echt wunderbar: Chrustentum! …ich kann nicht mehr! Danke!