Schon lange bin ich der Meinung, dass dem Christentum in der Form, wie es sich uns derzeit darstellt, etwas ganz Wesentliches fehlt. Es fehlt eine Form der Schulung. Eine wirkliche, tiefe Unterstützung auf dem Weg – ein gezielter Stufenweg, der uns hilft, das, was wir glauben, auch wirklich zu verkörpern.
Wir brauchen eine Geistesschulung. Warum? Damit wir in dieser Welt mit all ihren Herausforderungen, Anstrengungen und Krisen bestehen können. Ohne diese Praxis bleibt der Glaube oft nur eine nette Idee, die sich in unserem ganz normalen Alltag niemals wirklich verwirklicht.
Alles ist Bewusstsein
Geistesschulung ist immer Bewusstseinsschulung. Denn wenn wir ehrlich sind: Alles, was wir erleben, ist Bewusstsein.
Denk kurz darüber nach: Wenn du Angst hast, wenn du dir Sorgen machst oder wenn dich die aktuelle Weltlage irritiert – wo findet das statt? Es passiert in deinem Bewusstsein. Wenn du abends die Nachrichten schaust, nimmst du sie nur wahr, weil sie Teil deines Bewusstseins werden. Deine Emotionen, deine Gedanken, deine Wahrnehmung deiner selbst – all das ist Bewusstsein.
Doch es geht noch weiter. Zum Bewusstsein gehört auch das, was uns (noch) nicht bewusst ist: das Unbewusste. Hier liegen die Anteile, die wir verdrängt haben, aber auch die großen Urbilder, die Archetypen, die unsere Kraft und unsere Wahrnehmung prägen. Wenn du also sagst: „Ich möchte mehr Freiheit“ oder „Ich möchte mich wohler fühlen“, dann sprichst du im Kern über eine neue Qualität deines Bewusstseins.
Wie aber arbeitet man nun konkret mit diesem Bewusstsein? Die alten Mönchsväter wussten das noch. Wir haben dieses Wissen oft verloren, aber wir können es uns zurückholen. Hier sind fünf Wege für deine eigene Praxis:
1. Setze jeden Tag eine Absicht
Beginne deinen Morgen nicht zwischen Duschen und Zähneputzen, sondern setze dich bewusst hin. Frage dich: Mit welcher Absicht gehe ich in diesen Tag? Welche Qualität möchte ich heute erleben?
Vielleicht widmest du den Tag dem Segen für deine Mitmenschen.
Vielleicht widmest du ihn der Liebe oder der Versöhnung.
Ganz wichtig: Schreib es auf. Wenn du es niederschreibst, verlässt die Absicht deinen Kopf und tritt in die Welt. Das verändert deine Wahrnehmung. Du wirst plötzlich Dinge bemerken, die deiner Absicht entsprechen, und so deinen Alltag Schritt für Schritt verwandeln.
2. Die Kunst der Ruminatio (Wiederkäuen)
Die frühen Mönche entwickelten die „Ruminatio“ – das geistige Wiederkauen. Wie eine Kuh, die das Gras immer wieder kaut, nehmen wir uns einen einfachen, schönen Satz (zum Beispiel aus den Psalmen oder dem Evangelium) und wiederholen ihn innerlich.
Es geht dabei nicht um kompliziertes Nachdenken. Es geht darum, das Bewusstsein mit diesem Satz zu durchtränken. Wie ein Mantra hilft es dir, dein Bewusstsein auszurichten und es mit Spiritualität und Segen anzureichern.
3. Nutze alternative Gedanken
Wir denken viel zu viel im Alltag, und oft sind es keine guten Gedanken. Aber wusstest du, dass du nicht jeden Gedanken zu Ende denken musst?
Du hast die Freiheit, negative Gedankenschleifen zu unterbrechen. Wenn du merkst, dass du in eine alte Falle tappst: Stopp. Welchen alternativen, konstruktiven Gedanken möchtest du stattdessen denken? Du bist frei, zu denken, was du willst. Unterstütze diesen neuen Gedanken gern mit einem inneren Bild.
4. Schattenarbeit: Deine Trigger nutzen
Wir wollen uns oft nur zum Licht ausrichten, aber echte Schulung braucht auch die Arbeit mit dem Dunklen. Wie kommst du an deinen „Schatten“ heran? Nutze deine Trigger.
Was ärgert dich maßlos? Wo wirst du plötzlich traurig oder eingeschnappt? Hinter diesen Reaktionen verbergen sich meist verdrängte Bedürfnisse oder Gefühle. Wenn du diese Anteile wahrnimmst und annimmst, verlieren sie ihre toxische Wirkung. Alles, was im Schatten liegt, möchte eigentlich ans Licht.
5. Reframing: Gib deinem Leben einen neuen Rahmen
Ein Ereignis bekommt seine Bedeutung erst durch den Rahmen, den wir ihm geben. Ein schönes Beispiel ist das Lispeln: Wer in Deutschland lispelt, geht zum Logopäden. Wer in England das „th“ nicht lispeln kann, müsste eigentlich zum Orthopäden. Derselbe Laut, ein völlig anderer Rahmen.
Reframing bedeutet: Gib deinem Leben einen „goldenen Hintergrund“, so wie man es von alten Ikonen kennt. Betrachte deinen Alltag und dein Tun in einem Rahmen, in dem alles einen Sinn ergibt und positiv wirken kann. Werde aktiv darin, dein Leben neu zu verstehen.
Dein nächster Schritt
Du musst nicht alles auf einmal machen. Such dir eine dieser fünf Methoden aus und praktiziere sie für ein paar Wochen ganz bewusst. Übernimm Verantwortung für dein Bewusstsein. Es gibt genug Einflüsse, die du nicht kontrollieren kannst – aber dort, wo du es kannst, solltest du dein Leben aktiv gestalten.

