Vielleicht bist auch du einer von diesen Menschen – ein „Ja-aber-Mensch“, wie ich sie nenne. Das sind Menschen, denen ich seit vielen Jahren und Jahrzehnten begegne. Zeitweise gehörte ich selbst dazu. Auch heute erwische ich mich manchmal noch dabei, dass es Reste in mir gibt, ein „Ja-aber-Mensch“ zu sein.
Gerade im spirituellen Bereich ist dieses Phänomen sehr weit verbreitet. Ich erlebe es bei Vorträgen, in den Kommentaren unter meinen Videos oder in den E-Mails, die ich bekomme. Es begegnet mir sehr oft.
Was ist ein „Ja-aber-Mensch“?
Ein „Ja-aber-Mensch“ reagiert auf eine These oder einen Gedanken immer nach demselben Muster. Zuerst kommt eine scheinbare Zustimmung: „Ja, das ist sicherlich spannend, das hört sich gut an.“ Doch unmittelbar darauf folgt die Einschränkung: „Aber... aber du musst auch das bedenken“ oder „Wie ist das mit jenem?“.
Man stimmt einer Erfahrung zu und bringt im nächsten Moment einen Einwand, einen Zweifel, eine Infragestellung. Plötzlich spielt alles, was vor dem „Aber“ gesagt wurde, keine Rolle mehr. Das ist das Prinzip.
Das „Aber“ löscht das „Ja“
Was passiert bei diesem „Ja-aber“ psychologisch? Alles, dem du gerade noch zugestimmt hast – der Gedanke, die Methode, die Möglichkeit –, wird durch das „Aber“ gelöscht. Anschließend geht es nur noch um den Zweifel und die Schwierigkeit. Wir sprechen nicht mehr über die Chance, sondern nur noch über das Hindernis. Wir bleiben in der Unklarheit hängen.
Das bedeutet letztlich: Wir entwickeln uns nicht weiter.
- Vor dem „Aber“ steht die Möglichkeit, sich zu verändern.
- Nach dem „Aber“ steht die Entscheidung, so zu bleiben, wie man ist.
Das „Ja-aber“ ist die Verteidigung deines Status Quo. Du sorgst dafür, dass die Situation so bleibt, wie sie ist, indem du eine sprachliche Pattsituation schaffst. Beide Seiten haben Energie, blockieren sich gegenseitig und am Ende bewegt sich nichts.
Ein intelligenter Widerstand aus Angst
Ein klares „Nein, das lehne ich ab“ hätte Kraft. Damit könnte man arbeiten. Ein „Ja-aber“ hingegen ist geschickter. Es wirkt abgewogener, vielleicht sogar intellektueller. Doch in Wahrheit ist es kein Ausdruck von Mut, sondern ein Ausdruck von Angst.
Es ist die Angst zu verlieren, die Angst, nicht das Richtige zu tun oder am Ende blöd dazustehen. Es ist ein Widerstand, der dich daran hindert, dich auf Dinge einzulassen und etwas zu riskieren.
Natürlich gibt es oft keine eindeutigen Antworten. In der Wissenschaft – schau dir nur die Ernährungswissenschaft an – ist heute gesund, was in zehn Jahren als gefährlich gilt. Alles ist im Prozess, alles ist fluid. Wenn du aber immer auf die absolute Sicherheit wartest, bevor du einen Schritt tust, wirst du nie losgehen.
Wie du aus der Blockade ausbrichst
Wozu möchte ich dich ermutigen? Der erste Schritt ist die Selbsterkenntnis. Entdecke dich selbst als „Ja-aber-Mensch“, falls du einer bist. Tue das nicht, um dich ertappt zu fühlen, sondern um daran zu wachsen. Erkenne, dass da ein innerer Vorbehalt ist, der nicht differenziert, sondern pauschal abwehrt.
Übe dich im Einlassen
Versuche einmal, Thesen unvoreingenommen aufzunehmen. Du musst dich nicht auf alles einlassen, aber probiere folgendes Experiment:
- Schau dir ein Video oder einen Text an, der eigentlich gar nicht deiner Art entspricht oder der dir „quer“ vorkommt.
- Suche dir eine einzige Sache heraus, die du akzeptabel findest. Sie muss nicht perfekt sein.
- Nimm diesen Punkt mit, ohne sofort in das „Aber“ zu gehen.
- Lass den Gedanken in dir arbeiten und schau, was passiert, wenn du ihn in dein Denken aufnimmst.
Wenn du das „Aber“ weglässt, verhinderst du, dass die Dinge einfach an dir abgleiten. Du ermöglichst es, dass du verändert wirst. Du erlaubst es, dass dich etwas wirklich im Innersten berührt.
Das Risiko des Vertrauens
Natürlich gehst du dabei ein Risiko ein. Ein Gedanke ist vielleicht nicht zu Ende gedacht oder hat seine Grenzen. Aber es ist wie bei einer Brücke: Du musst vertrauen, dass sie hält, wenn du sie überquerst. Du kannst verschiedene Wege nehmen – eine Fähre, ein Schiff oder die Brücke –, aber du wirst das andere Ufer nie erreichen, wenn du dich nicht entscheidest, es zu riskieren.
„Ja-aber“ bedeutet oft: Wasch mich, aber mach mich nicht nass.
Ich lade dich ein: Sei bereit, dich nass machen zu lassen. Sei bereit, dich berühren und verändern zu lassen. Alles andere ist reine Abwehr und Widerstand gegenüber dem Leben.
Ich wünsche dir, dass es dir gelingt, aus dem „Aber“ herauszufinden – hin zu einem klaren „Ja“ oder einem klaren „Nein“.

