Oft stellen wir uns Gott wie einen Monolithen vor. Unveränderlich, fest gemauert, absolut gesetzt. Das ist eine ganz typische Vorstellung, die wir von Gott haben: Gott lernt nichts dazu. Gott verändert sich nicht. Er ist heute kein anderer als gestern. Er ist der, der immer gleich bleibt.
Ich verstehe das Anliegen hinter diesem Bild. Sich Gott so vorzustellen, gibt uns eine unglaubliche Sicherheit und Klarheit. Doch für mich wird immer deutlicher, dass Gott so nicht ist – zumindest nicht ganz.
Gott ist Lebendigkeit
Ich glaube, Gott ist im Werden. Gott ist Entwicklung. Er ist Überraschung und Lebendigkeit. Und das Lebendige überrascht uns nun mal; das Lebendige verändert sich. Es wächst, es lernt hinzu, es reagiert. Das ist für mich die wahre Essenz von Lebendigkeit. Etwas, das immer gleich bleibt, ist für mich nicht lebendig. Ein Baum, ein Tier oder ein Mensch verändert sich mit der Zeit. Auch wenn Gott vielleicht nicht im klassischen Sinne „mit der Zeit geht“, so ist er doch ein Prozess.
Ich möchte dir von einer Erfahrung berichten, die ich seit langer Zeit mache. Ich tauche immer wieder gerne in sie ein, weil sie eigentlich in jedem Augenblick möglich ist. Zum ersten Mal ist mir das bei den Gebetszeiten in unserem Kloster aufgefallen. Wenn ich dort mit meinen Brüdern zusammensitze und wir singen – und das tun wir fast jeden Tag seit Jahrzehnten –, dann geschieht etwas.
Ich schaue meinen Brüdern gegenüber ins Gesicht, einer sitzt direkt neben mir, und plötzlich entsteht etwas. Es entsteht etwas zwischen uns. Dabei meine ich keine rein emotionale Beziehung, die wir zueinander haben oder vielleicht auch nicht haben. Es entsteht etwas ganz anderes: ein geistiges Drittes.
Das göttliche Feld
Was ich dann spüre, ist unglaublich kostbar. Es ist eine Kraft. Es ist nicht einfach nur die Tatsache, dass wir vier Leute sind, die zusammen Zeit verbringen. Es ist etwas sehr Eigenes, was da zusammenkommt. Vielleicht kennst du das auch aus bedeutsamen Situationen? Diesen Moment, in dem du spürst: Hier ist noch etwas anderes präsent.
Genau dieses „Andere“ meine ich. Manchmal bin ich dafür besonders geöffnet, manchmal weniger, aber eigentlich kann ich es immer spüren. Und ich habe gemerkt, dass das nicht nur im Gottesdienst mit meinen Brüdern funktioniert. Es passiert in vielen Situationen mit anderen Menschen. Es funktioniert mit Tieren und mit allem, was natürlich ist. Irgendwann spürte ich sogar, dass es darüber hinausgeht: Es geschieht auch mit Dingen, die eine Bedeutung für mich haben.
Wenn wir einander gegenüber sind, bilden wir zusammen etwas Drittes. Eine Kraft oder, wie ich es nennen möchte, ein Feld. Wenn zwei zusammenkommen, kann dieses Feld entstehen. Und dieses Feld nenne ich das göttliche Feld. Darin sind eine Wärme, eine Klarheit und eine tiefe Stille vorhanden.
Die Kraft der Beziehung
Weißt du, das könnten wir beide jetzt auch erleben. Du liest diese Zeilen, und ich habe sie für dich niedergeschrieben. Natürlich ist das zeitversetzt. Aber wenn wir das jetzt ganz bewusst tun – ich wende mich dir zu und du öffnest dich für diese Worte –, dann kann auch zwischen uns dieses Feld entstehen. Du kannst dann eine ganz feine Form der Energie und der Kraft spüren.
Kannst du es wahrnehmen?
Es ist nicht schlimm, wenn es gerade nicht funktioniert oder nicht bei dir ankommt. Vielleicht brauchst du im Moment etwas anderes. Das ist kein Problem. Aber grundsätzlich funktioniert es so. Und du kannst dieses Bewusstsein mit nach draußen nehmen; du kannst es eigentlich überall wahrnehmen. Z.B. auch bei der Verkäuferin im Supermarkt.
Martin Buber hat das sehr schön entwickelt. Er ist stark von diesem Beziehungsaspekt ausgegangen. Ich muss zugeben, dass ich das lange Zeit sehr menschlich aufgefasst habe, fast schon psychologisch. Aber heute verstehe ich: Es geht nicht um Psychologie. Es geht nicht darum, ob wir eine „gute Beziehung“ im Sinne von Sympathie haben. Beziehung ist hier ein anderes Wort für dieses Feld. Es ist ein relationales Feld. Zwei beziehen sich aufeinander, und dann entsteht dieser Raum. Du kannst auf diese Welt bezogen sein, auf eine Blume oder auf einen Menschen – und dieses Feld wird fühlbar.
Inne werden statt nur Beobachten
Wir haben verschiedene Möglichkeiten, auf die Welt zuzugehen. Wir können beobachten. Aber Beobachten ist schwach. Es ist distanziert. Ich habe damit nichts zu tun, ich schaue nur zu, es geht mich nichts an. Wir können auch einen Schritt näher gehen und die Dinge betrachten. Das ist schon intensiver.
Aber das Dritte – so nennt es Buber – ist das „Innesein“. Ich werde den Dingen inne. Was ist damit gemeint? Es bedeutet, dass wir zusammen in einem Feld sind. Nicht nur ich bin „inne“, sondern auch das Gegenüber. Wir bilden zusammen dieses Feld und können es wahrnehmen, wenn wir still sind. Wenn wir uns Zeit nehmen, können wir uns dieses Feldes innewerden.
Dieses Feld ist ein Drittes, zu dem ich mich aktiv beziehen kann. Ich kann diesem Feld etwas sagen. Sprechen ist für mich eine der feinsten Formen der energetischen Hinwendung. Mit keiner anderen Fähigkeit kann ich meine Energie so genau dosieren wie mit dem Sprechen. Ich kann es ganz fein skalieren. Ich kann durch mein Sprechen, mein Handeln oder meine Absicht etwas in dieses Feld hineingeben.
Gleichzeitig kann ich empfangen. Ich kann offen sein. Das Feld spricht vielleicht auch zu mir. Wir sagen oft: „Das Buch spricht mich nicht an.“ Das heißt nicht, dass das Buch nicht reden kann oder etwas Falsches sagt. Es bedeutet, dass das Feld, das zwischen mir und dem Buch entstehen sollte, stumm bleibt. Die Resonanz fehlt. Es erreicht mich nicht.
Gott entsteht immer neu
Dieses Feld ist das Lebendige. Es ist ein lebendiges Feld, das immer im Moment entsteht. Es ruht nicht einfach irgendwo fertig herum. Es ist in jedem Augenblick neu. So wie Gott in jedem Augenblick neu ist. Er entsteht jeden Augenblick neu zwischen uns.
Gott ist kein Monolith. Gott ist fluid, er ist flüssig. Natürlich ist er der, der immer da ist, aber er ist eben auch der, der immer entsteht. Offenbarung ist ein Geschehen. Das Feld spricht zu dir, und du sprichst zum Feld. Das meine ich ganz ernst, ohne jede Kindlichkeit: Das Feld ist da und will wahrgenommen werden. Du kannst dich in Beziehung setzen und spüren, wie etwas in dir oder zwischen dir und deinem Gegenüber entsteht.
Das ist wahre Begegnung.
Wenn du in die Begegnung mit allem gehst – mit wirklich allem –, dann entsteht überall dieses Feld für dich. Dann bist du überall im göttlichen Feld. Diese Erkenntnis ist für mich in letzter Zeit unglaublich wichtig geworden. Sie verändert meine Art zu arbeiten und wie ich Menschen begegne. Der Augenblick und dieses Feld sind viel wichtiger als starre Strukturen. Es braucht nur die Bereitschaft zur Begegnung und zur Offenheit.
Wenn wir das spüren, kann daraus viel Dankbarkeit und Demut entstehen. Denn am Ende geht es darum, diesem großen Feld in dieser Welt zu dienen.

