Vielleicht denkst du manchmal, dass du zu viel vom Leben willst. Du hast das Gefühl, dass du zu viel brauchst oder einfach zu anspruchsvoll für dieses Leben bist. Vielleicht sagt man dir das auch: Du seist zu anspruchsvoll, du wolltest einfach zu viel.
Aber weißt du was? Ich sage dir jetzt etwas: In der Regel ist es so, dass die meisten Menschen nicht zu viel wollen, sondern zu wenig.
Du bist gar nicht anspruchsvoll genug. Du bist viel zu genügsam. Du solltest viel größer denken, tiefer denken und dir mehr für dein Leben wünschen als das, was du bisher gesucht hast. Schau dir an, was du bisher verfolgt hast. Sei nicht genügsam, sei nicht zurückhaltend, sondern suche das wirklich Große.
Genau das suchen die meisten Menschen eben nicht.
Das Plateau der Genügsamkeit
Nach meiner Erfahrung bleiben die meisten Menschen irgendwann stehen. Sie richten sich ein. Sie sagen sich: „Es ist doch gut so, es ist ganz schön. Es läuft gerade gut und ich kriege alles geregelt.“ Es fühlt sich sicher an. Ja, warum nicht stehen bleiben? Warum nicht hier bleiben?
Das sind meistens keine bewussten Abläufe. Niemand setzt sich hin und überlegt: „Ich glaube, ich möchte auf diesem Level bleiben.“ Es gibt einfach gerade keinen Ansporn weiterzugehen, weil alles rund läuft. Oft braucht es erst ein Problem, eine Krise oder eine Krankheit, damit diese Ordnung durcheinanderkommt.
Wenn all das gerade nicht da ist, bleiben wir gerne so, wie es ist. Wir haben keinen Ansporn uns zu entwickeln, weil wir Entwicklung oft nur als ein Werkzeug verstehen, um aus einer Krise herauszukommen. Man hangelt sich von einer Krise zur nächsten. Nur durch Probleme, Trennungen oder Krankheiten kommen wir überhaupt dazu, uns weiterzuentwickeln.
Aber wenn du dabei stehen bleibst, dass du immer nur eine Krise brauchst, wenn du keine eigene Motivation hast weiterzukommen, dann wird dein Weg irgendwann enden. Es entsteht ein Plateau, auf dem man sich eingerichtet hat. Man ist gesundheitlich fit, die größten Stürme liegen hinter einem, die nächsten sind noch weit weg. Ab Mitte 40 richten sich viele dort ein. Vielleicht kommt mal eine kleine Sinnfrage, eine Midlife-Crisis, und dann geht es einfach so weiter wie bisher.
Warum Krisen nicht der einzige Motor sein dürfen
Wenn du dich nur weiterentwickelst, um ein Problem zu lösen, um wieder gesund zu werden oder weil deine Beziehung gerade in der Krise steckt, dann wirst du nicht weit kommen. Im Grunde produzierst du dadurch immer neue Krisen, weil dein System gelernt hat: Es braucht eine Krise, damit es weitergeht.
Natürlich ist es einfacher, stehen zu bleiben. Es ist sicherer. Man weiß, wie die Dinge funktionieren. Man hat im Laufe des Lebens Werkzeuge entwickelt, um mit Situationen umzugehen, und diese Tools funktionieren einigermaßen. Es ist bequem. Man muss sich keine neuen Fragen stellen und sich nicht wieder neu aufmachen. Warum sollte man das riskieren? Warum sollte man auf einem anderen Level ganz neue Probleme riskieren, die man jetzt noch gar nicht hat?
Ich erlebe das bei sehr vielen Menschen. Sie bleiben stehen. Das gilt ganz besonders auch für ältere Menschen, die sich spirituell eigentlich nicht mehr entwickelt haben. Sie sind vor zwanzig oder dreißig Jahren stehen geblieben. Sie haben eine Spiritualität, die man mit 40 hat, aber diese Spiritualität kann die Fragen nicht mehr beantworten, die man heute hat.
Wenn die alten Antworten nicht mehr tragen
Daran wirst du es irgendwann merken: Die Antworten gehen dir aus. Deine alten Werkzeuge funktionieren nicht mehr. Du spürst, dass die Antworten von vor zwanzig Jahren heute keine Wirkung mehr haben. Sie stellen dich nicht mehr zufrieden. Spätestens dann merkst du, dass etwas falsch läuft.
Was falsch läuft, ist Folgendes: Du hast die Jahre versäumt, dich ohne Krise weiterzuentwickeln. Einfach, weil du Freude daran hast. Weil du eine Sehnsucht in dir spürst, die nicht erst dann geweckt wird, wenn du im Krankenhaus liegst. Diese Sehnsucht ist einfach da. Es ist die Sehnsucht nach dem Schönen, nach dem Großen, nach der Liebe, die alles durchwaltet. Man könnte auch kurz sagen: nach Gott.
Wenn du das nicht für dich erkannt und gespürt hast, dass das etwas Großes ist — das Größte eigentlich —, dann willst du nicht zu viel, sondern viel zu wenig.
Die Sehnsucht nach dem Größten
Die Sehnsucht nach dem, was diese Welt zusammenhält, sollte in dir wach sein. Gott ist in gewisser Hinsicht schön. Irgendwann stellt dir das Leben Fragen, auf die du keine Antwort mehr parat hast. Dann merkst du: So geht es nicht weiter.
Deshalb ist es wichtig, dass du dran bleibst. Entwickle deine Spiritualität weiter. Wenn du mit 80 noch dieselbe Spiritualität hast wie mit 40, dann darfst du dich nicht wundern, wenn du für die Begrenzungen, die im Alter auftauchen, keine befriedigende Antwort mehr findest. Es geht darum, wirklich weiterzugehen.
Ich weiß, dass es Mut braucht, diesen Weg zu gehen. Es braucht Mut, das Gewohnte und Passende zu verlassen, auch wenn es noch nicht unbequem geworden ist. Dieser Mut wird dich führen. Stillstand ist verlockend, alles wirkt rund. Aber eigentlich ist Stillstand schrecklich. Wenn du dich nicht weiterentwickelst, gehst du unmittelbar in die Katastrophe. Katastrophe bedeutet in diesem Fall: keine Antworten mehr zu haben, kein passendes inneres Bild mehr zu besitzen und am Ende mit leeren Händen dazustehen.
Wachstum bis zum letzten Atemzug
Wie anders wäre es, wenn du lernst, mit allem umzugehen, was das Leben dir bereithält? Wenn es dich weitet und vertieft? Wenn du zu einer tiefen inneren Bezogenheit zum Göttlichen findest und zu einem Trost, den diese Welt nicht geben kann?
Eine Liebe, die über Jahrzehnte gereift ist, ist etwas anderes als eine jugendliche Liebe. Wenn man mit 80 diese gereifte Liebe noch in sich spürt und lebt, was ist das für eine Bereicherung für die Menschen um dich herum? Für die Enkel und Urenkel? Zu spüren, dass da ein Mensch ist, der voller Liebe ist — nicht als emotionaler Rausch, sondern als geistiger, innerer Raum.
Wachstum will geschehen bis zum letzten Atemzug. Du bist aufgerufen zu wachsen. Man kann dieses Wachstum auch als eine Rückkehr verstehen: eine Rückkehr zum Göttlichen, in die Sphäre der Liebe, aus der wir gekommen sind. Wenn du stehen bleibst, kehrst du nicht zurück. Du verweigerst dich der Rückkehr.
Deshalb gibt es keine Alternative und eigentlich auch kein Zögern. Jeder Schritt will gegangen werden. Finde diesen Mut für dich und dein Leben. Finde deine tiefe innere Vision. Jedes Leben ist voller Visionen, auch das geistige Leben. Die Vision sagt dir: Es geht weiter.
Deine Sehnsucht ist der Weg
Diese Welt hier auf Erden ist unvollkommen. Aber bewahre dir die Sehnsucht nach der Vollkommenheit. Das ist die Sehnsucht nach Gott, nach der großen Liebe, nach der Schönheit, die kaum auszuhalten ist. Es ist die Sehnsucht nach Versöhnung und nach dem Guten.
Bewahre dir das oder wecke es wieder in dir. Nimm den nächsten Schritt, damit du dich entwickelst, damit du weiterkommst und am Ende den Bogen schlägst zu dem Punkt, von dem du ausgegangen bist.
Du sollst nicht zu wenig wünschen. Du musst mehr wünschen. Die Menschen, die sagen, du seist zu anspruchsvoll, meinen meistens materielle Dinge. Das ist unwichtig. Aber suche das Größte: die Liebe an sich, das Schöne, das Wahre und das Gute. Entdecke diese Sehnsucht in dir.
Darum geht es: Geh weiter. Bleib nicht stehen. Geh deinen Weg jetzt.

