Krone der Schöpfung? Die wahre Berufung des Menschen

1. August 2026

Sind wir Menschen nur Tiere auf zwei Beinen? Sind wir die Zerstörer dieser Welt, eine Belastung für die Natur, eine Schande für das Leben?

Diese Fragen stehen heute oft unausgesprochen im Raum. Man hört sie in Schlagzeilen, in Gesprächen über Klimakrise und Artensterben, in unserer Art, auf die Geschichte der Menschheit zu schauen. Wenn man genau zwischen die Zeilen hört, begegnet einem immer wieder derselbe Gedanke: Ohne uns wäre alles besser.

Doch gerade in einer Zeit, in der wir uns selbst so kritisch sehen müssen, brauchen wir etwas anderes als Selbstverachtung. Wir brauchen eine Haltung von Stärke, Würde, Verantwortung und Demut.


Das negative Bild, das wir vom Menschen entwickelt haben

Früher haben Menschen sich gerne als Krone der Schöpfung verstanden. Das war oft verbunden mit einem fatalen Missverständnis: Wenn ich die Krone bin, darf ich mir nehmen, was ich will. Ich darf nutzen, benutzen und ausnutzen, was mir nützt. Die Welt wird dann zur Ressource, die Natur zum Material, andere Wesen zum Mittel für meine Zwecke.

Aus dieser Haltung ist vieles entstanden, woran wir heute leiden. Wir haben Ökosysteme aus dem Gleichgewicht gebracht, Natur ausgebeutet und Lebensgrundlagen beschädigt. Wir haben gezeigt, wozu Menschen fähig sind, nicht nur gegenüber Tieren und Landschaften, sondern auch gegenüber anderen Menschen.

Die Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts stehen dafür in erschütternder Klarheit. Die Konzentrationslager waren keine zufälligen Ausbrüche von Chaos. Sie zeigten eine organisierte, bürokratische und grausame Kälte, die Menschen hervorgebracht haben. Gerade deshalb lässt sich die Frage nicht einfach wegschieben: Was ist das für eine Gattung, zu der wir gehören?

So entsteht leicht das Bild des Menschen als Mangelwesen:

  • Wir seien noch nicht fertig.
  • Wir seien grundsätzlich falsch oder schlecht.
  • Wir machten alles kaputt.
  • Wir seien für die Erde eher ein Problem als ein Gewinn.

Das ist kein völlig unbegründeter Gedanke. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Aber aus der Erkenntnis unserer Schuld folgt nicht, dass der Mensch selbst ein Fehler sein muss.


Der Zynismus hinter dem Wunsch, der Mensch möge verschwinden

Wenn wir uns nur noch als Gefahr begreifen, führt das in einen Zynismus hinein. Dann erscheint es beinahe logisch zu sagen: Vielleicht wäre es besser, wenn es uns gar nicht gäbe.

Auch der Transhumanismus kann aus einer solchen Haltung heraus verstanden werden. Dahinter steht oft die Vorstellung, der menschliche Körper sei überholt. Das Gehirn, die Psyche, die körperlichen Grenzen, all das müsse technisch verbessert werden. Implantate, Computerverbindungen und technische Erweiterungen sollen ausgleichen, was der Mensch angeblich nicht mehr leisten kann.

Natürlich geht es dabei auch um Möglichkeiten, Heilung und Fortschritt. Doch im Hintergrund kann eine tiefe Selbstabwertung stehen: Der Mensch ist nicht gut genug für diese Welt und braucht ein technisches Update.

Wenn wir uns nur noch als defizitär verstehen, verlieren wir den Zugang zu einer Kraft, die wir gerade jetzt dringend brauchen. Nicht zu einer überheblichen Kraft, die andere klein macht. Sondern zu einer inneren Kraft, die Verantwortung übernehmen kann.


Die Krone tragen heißt Verantwortung tragen

Der Mensch ist etwas Besonderes. Das darf gesagt werden, ohne andere Wesen abzuwerten. Besonders zu sein bedeutet nicht, mehr Rechte zur Ausbeutung zu besitzen. Es bedeutet, eine besondere Berufung zu haben.

Und jede besondere Berufung bringt besondere Verantwortung mit sich.

Wir sind dieser Verantwortung nicht gerecht geworden. Wir haben sie durch unser Handeln vielfach verraten. Daran leiden wir heute, und daran leidet die Welt. Aber die richtige Antwort darauf kann nicht sein, dass wir uns zurückziehen, uns klein machen oder verzweifelt feststellen, wir machten ohnehin alles falsch.

Gerade jetzt braucht es Menschen, die sich dieser Schuld stellen. Menschen, die nicht aus lähmender Selbstverachtung handeln, sondern aus Würde. Menschen, die bereit sind, Verantwortung für die Natur, für andere Menschen und für das Ganze des Lebens zu übernehmen.

Die Krone der Schöpfung zu tragen heißt nicht, über allem zu stehen. Es heißt, dem Leben zu dienen.


Gottes Ebenbildlichkeit ist keine bloße Floskel

In der Bibel heißt es, dass der Mensch Gott ähnlich geschaffen sei. Der Mensch trägt Gottes Ebenbildlichkeit in sich. Das ist nicht nur ein schöner religiöser Satz und auch keine freundliche Predigtformel. Es weist auf eine Wirklichkeit hin, die im Menschen entdeckt werden kann.

Im tiefsten Inneren gibt es keine unüberbrückbare Kluft zwischen Gott und Mensch. Dort, in dieser Tiefe, gehört das Göttliche zu unserem Wesen. Wir leben nur meistens nicht aus dieser Tiefe heraus.

Würden wir wirklich daraus leben, stünden wir nicht dort, wo wir heute stehen. Dann wären Ausbeutung, Brutalität, Gleichgültigkeit und Zerstörung nicht die prägenden Kräfte unseres Handelns.

Es ist möglich, in dieser tiefsten Wirklichkeit zu sagen: Ich bin Gott. Aber nur dort, in der Einheit des tiefsten Seins, hat dieser Satz Wahrheit. Alles, was darüber liegt und sich groß machen will, wäre bloßer Narzissmus.

Es geht also nicht darum, das eigene Ego zu vergöttlichen. Es geht darum, die göttliche Tiefe im eigenen Wesen wiederzufinden und daraus zu leben.


Der doppelte Ursprung des Menschen

Der spirituelle Lehrer Karlfried Graf Dürckheim sprach vom doppelten Ursprung des Menschen. Dieser Gedanke ist weit mehr als spirituelle Lyrik. Er ist ein Auftrag.

Der Mensch ist zugleich irdisch und göttlich.

  • Wir sind irdisch. Wir haben einen Körper, Bedürfnisse, Beziehungen, Ängste, Freude und eine konkrete Aufgabe in dieser Welt.
  • Wir sind göttlichen Ursprungs. In uns ist eine Tiefe, die über unser alltägliches Ich, unsere psychischen Muster und unsere persönliche Geschichte hinausweist.

Das Irdische ist nicht falsch. Wir sind nicht zufällig hier. Es geht nicht darum, aus dieser Welt zu fliehen oder den Körper abzuwerten. Aber wir sind auch nicht auf das Irdische beschränkt.

Oft versuchen wir, irgendwie an das Himmlische heranzureichen. Wir stellen es uns weit oben vor und bemühen uns, dorthin zu gelangen. Doch das Göttliche ist nicht einfach fern. Es ist nicht irgendwo außerhalb von uns. Es ist in unserer eigenen Tiefe gegenwärtig.

Darum genügt es nicht, nur in die psychischen Tiefen vorzudringen. Das ist wichtig und kann heilsam sein. Aber es bleibt letztlich innerhalb des Menschlich Irdischen. Es geht auch darum, das Tor zum eigenen göttlichen Bewusstsein zu öffnen.

Wenn dieses Tor wirklich aufgeht und wir hindurchgehen, entdecken wir uns auf eine völlig neue Weise. Dann verändert sich auch unser Verständnis von Verantwortung.


Das tiefere Gewissen, das dem Leben dient

Es gibt ein Gewissen, das über unser gewöhnliches persönliches Gewissen hinausgeht. Es ist tiefer, höher und mächtiger, unabhängig davon, wie wir es nennen wollen.

Dieses Gewissen kann sogar dem widersprechen, was sich für unser kleines Leben angenehm, vernünftig oder sicher anfühlt. Es fordert uns manchmal heraus. Es kann unbequem sein. Es kann klare Grenzen setzen. Es kann uns dazu bewegen, etwas zu tun, das uns persönlich begrenzt, sich aber dennoch zutiefst richtig anfühlt.

Aus diesem tieferen, göttlichen Gewissen heraus handeln Menschen, die dem Leben wirklich dienen. Dann geht es nicht nur darum, das eigene Wohlbefinden zu schützen, ein bequemes Leben zu führen oder für sich selbst gut zu sorgen.

Natürlich sind schöne Abende, Freundschaften, Freude und ein Glas Wein etwas Gutes. Aber sie sind nicht der letzte Sinn unseres Daseins. Es gibt etwas Größeres als das kleine persönliche Leben. Dieses Gewissen hat das Ganze im Blick:

  • das Leben als Ganzes,
  • die Menschen, mit denen wir verbunden sind,
  • die Natur, die uns trägt,
  • die Zukunft, die wir mitgestalten.

Es dient Gott. Es dient dem Leben.


Demut ist die Voraussetzung echter Größe

Der Mensch kann die Krone nur in Demut tragen.

Demut bedeutet nicht, sich selbst zu erniedrigen. Sie bedeutet auch nicht, sich kleinzumachen oder die eigene Bedeutung zu verleugnen. Demut heißt, sich einer höheren Wirklichkeit zu verdanken und verpflichtet zu wissen.

Wir müssen dabei nicht so tun, als hätten immer alle Menschen gleichermaßen Schuld. Taten werden von konkreten Menschen begangen, von Tätern, Gruppen und Gesellschaften. Aber unsere Gattung ist zu all dem fähig. Diese Möglichkeit gehört zu unserer Wahrheit, und wir dürfen davor nicht die Augen verschließen.

Gerade deshalb braucht es eine Demut, die nicht in Ohnmacht führt, sondern in verantwortliches Handeln. Wer Zugang zu dem tieferen Gewissen hat, kann Begrenzungen anders verstehen. Selbstbegrenzung ist dann nicht bloß Verzicht oder Einschränkung. Sie wird zu etwas Gutem und Notwendigem.

Wir müssen diese Grenzen nicht nur widerwillig ertragen. Wir können sie bewusst annehmen, weil sie dem Leben dienen.


Es ist gut, dass es Menschen gibt

Der Mensch trägt die Krone. Du trägst die Krone.

Das ist kein Freibrief für Überheblichkeit. Es ist eine Erinnerung an Würde, Berufung und Verantwortung. Es ist gut, dass es Menschen gibt, denn Menschen können Dinge tun, die kein anderes Wesen auf diese Weise tun kann: Verantwortung erkennen, Schuld bekennen, sich begrenzen, bewusst umkehren und Zukunft gestalten.

Wir können die Zukunft aber nur gestalten, wenn wir weder in Größenwahn noch in Selbsthass versinken. Wir brauchen die Kraft der Krone in uns, verbunden mit der Demut, die weiß: Es geht nicht nur um mich.

Der Mensch ist nicht dazu berufen, die Welt zu beherrschen. Der Mensch ist dazu berufen, dem Leben in Würde zu dienen.


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