Dieser Satz bedeutet nicht, dass alles, was geschieht, gut wäre. Er ist keine rosarote Brille, kein spirituelles Weglächeln und schon gar kein billiger Trost für Menschen, die leiden. Im Gegenteil: Er kann nur dann tragen, wenn wir das Schwere wirklich sehen.
Ich werde nächstes Jahr 60. Sechs Jahrzehnte liegen hinter mir, mit schönen Erfahrungen, aber auch mit Dingen, die schwer waren und schmerzhaft. Wie viele Jahrzehnte noch vor mir liegen, weiß ich nicht. Was ich aber weiß: Da ist etwas, das mich immer wieder gehalten hat. Erst später habe ich verstanden, was es ist.
Dieser eine Satz wurde mir geschenkt. Ich habe ihn nicht selbst erfunden. Entscheidend ist auch nicht, wer ihn zuerst gesagt hat. Entscheidend ist, dass ich ihn für mich angenommen habe und mich immer wieder für ihn entscheide.
Nicht alles ist gut, aber im Grunde ist alles gut
Wenn wir auf das aktuelle Geschehen schauen, ist vieles nicht gut. Das gilt für die Welt, für die Nachrichten und auch für das eigene Leben. Krieg, Krankheit, Verlust, Unsicherheit, Schmerz, Angst und Verzweiflung sind real. Wer das leugnet, macht es sich zu einfach.
Natürlich gibt es auch Gutes. In jedem Leben. Aber ein schnelles „Alles ist doch gut“ wird dem Leid nicht gerecht. Es kann sogar zynisch wirken, weil es den Schmerz kleinmacht und Menschen nahelegt, sich einfach zusammenzureißen oder positiv zu denken.
Das ist nicht gemeint.
Das Schlimme bleibt schlimm. Krisen müssen ernst genommen werden. Gefahren verlangen danach, dass wir handeln, uns schützen, nach Lösungen suchen und unsere Kräfte mobilisieren. Unser ganzes inneres System ist darauf ausgerichtet, Bedrohungen rasch wahrzunehmen. Das hat seinen Sinn.
Doch das, was im Vordergrund steht, ist nicht alles, was es gibt.
Vordergrund und Hintergrund mit beiden Augen sehen
Leid, Krisen und Gefahren drängen sich in den Vordergrund. Sie sollen dort auch wahrgenommen werden, denn sie brauchen Aufmerksamkeit. Wir dürfen nicht wegschauen.
Aber jeder Vordergrund hat einen Hintergrund. Ohne Hintergrund kann nichts sichtbar werden. Und hinter den vielen wechselnden Hintergründen gibt es einen Grund, hinter dem kein weiterer Hintergrund mehr liegt.
Diesen Grund nenne ich den Goldgrund des Lebens.
Das Bild ist von orthodoxen Ikonen inspiriert. Auf vielen Ikonen erscheinen Menschen, Engel oder Christus vor einem goldenen Hintergrund. Dieses Gold ist mehr als Dekoration. Es verweist auf eine Wirklichkeit, die tiefer liegt als das, was gerade sichtbar ist.
Vor diesem Goldgrund kann vieles zerbrechen. Es gibt Risse, Blut, Krankheit, Abschied und Tod. Es gibt Erfahrungen, die wir nicht schönreden können und nicht schönreden dürfen. Und doch bleibt unter allem ein Grund, der trägt.
Darum heißt es nicht: Im Vordergrund ist alles gut. Sondern: Im Grunde ist alles gut.
- Mit einem Auge sehe ich die konkrete Situation, wie sie ist.
- Mit dem anderen Auge bleibe ich in Verbindung mit dem Grund, der tiefer reicht.
- Ich verharmlose das Leid nicht.
- Ich gehe aber auch nicht völlig in ihm unter.
Diese doppelte Sicht ist eine Kunst. Sie bewahrt davor, Schmerz zu umgehen, nur um sich gut zu fühlen. Und sie bewahrt davor, an dem zu verzweifeln, was gerade vor Augen liegt.
Was der Goldgrund in schweren Zeiten bedeutet
Wenn ich tief blicke, wenn ich innerlich still werde und mich fallen lasse, dann vertraue ich darauf, von diesem Gutsein aufgefangen zu werden. Das heißt nicht, dass eine Krise plötzlich verschwindet. Es heißt auch nicht, dass ich sofort verstehe, warum etwas geschieht.
Aber das Zerbrochene darf da sein. Der Schmerz darf da sein. Die Angst darf da sein. Nichts muss erst glatt, positiv oder spirituell geschniegelt werden, um auf diesem Grund einen Platz zu haben.
In diesem Grund darf Heilung geschehen. Vielleicht nicht so, wie wir es erwarten. Vielleicht nicht sofort. Aber das, was verletzt ist, wird geborgen. Das, was zerbrochen ist, kann auf eine neue Weise zusammenfinden.
Der Satz „Im Grunde ist alles gut“ ist deshalb kein Versuch, das Leben harmlos zu machen. Er ist ein Ausdruck von Vertrauen: Das Dunkle hat nicht das letzte Wort.
Warum dieser Satz kein Trostpflaster für andere ist
Es wäre falsch, einem Menschen diesen Satz einfach hinzuwerfen, wenn gerade eine Krebsdiagnose im Raum steht, ein geliebter Mensch gestorben ist oder ein Kind verloren wurde. In einem solchen Moment kann dieser Satz wie eine Ohrfeige wirken.
Ein Satz, der tragen soll, darf nicht zum schnellen Trostpflaster werden. Sonst bagatellisiert er sowohl den Satz selbst als auch das Leid des Menschen, dem man ihn zuspricht.
„Im Grunde ist alles gut“ ist zunächst ein Satz, der im eigenen Inneren wachsen muss. Vielleicht hörst du ihn und denkst: Das klingt gut. Vielleicht nimmst du ihn mit. Vielleicht taucht er in schwierigen Momenten wieder auf.
Und irgendwann kann die Entscheidung entstehen: Das ist mein Satz. Das ist der Satz, aus dem ich leben möchte.
Dann wird er nicht ausgesprochen, um andere ruhigzustellen. Dann wird er zu einer inneren Haltung, aus der heraus wir handeln, zuhören, trauern, helfen und den Herausforderungen des Lebens begegnen.
Eine Trotzkraft gegen die Verzweiflung
Es braucht eine gewisse Trotzkraft, um sich nicht vollständig von dem vereinnahmen zu lassen, was gerade krisenhaft im Vordergrund steht. Das bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Es bedeutet auch nicht, Nachrichten und Weltgeschehen zu ignorieren.
Ich nehme wahr, was geschieht. Ich höre von Kriegen, Angst und politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen, die Sorge machen. Ich sehe, dass vieles schwierig ist. Doch ich will dem Vordergründigen nicht die Macht geben, mir den Blick auf den tieferen Grund vollständig zu nehmen.
Beides darf gleichzeitig da sein:
- Die nüchterne Wahrnehmung dessen, was belastend und gefährlich ist.
- Das Vertrauen auf einen Grund, der größer ist als die aktuelle Krise.
Manchmal fühlt sich dieser Hintergrund weit entfernt an. Manchmal ist er überraschend nah. Wichtig ist, den Bezug zu ihm nicht ganz zu verlieren.
Der Urgrund: Göttliche Präsenz und Ursprung des Lebens
Wenn ich vom Grund und vom Hintergrund spreche, ist der Weg zum Wort Urgrund nicht weit. Mystiker wie Meister Eckhart und Johannes Tauler haben von diesem Urgrund gesprochen.
Der Urgrund ist ein Wort für die göttliche Präsenz, für den Ursprung unseres Lebens. Aus diesem Grund sind wir hervorgegangen. Aus Liebe. Aus Gutsein.
Das ist keine Behauptung, die sich im Vordergrund beweisen lässt wie eine Rechnung. Es ist eine innere Beziehung. Ein Vertrauen. Eine Erfahrung, für die man durchlässig werden kann.
Im Grunde ist alles gut. Und im Grunde bist du gut. Auch jeder andere Mensch ist im Ursprung aus diesem Gutsein und aus Liebe geboren.
Eine kleine Übung für den Kontakt zum Urgrund
Der Bezug zum Urgrund kann eine tägliche Übung sein, besonders am Morgen. Es geht nicht darum, etwas Besonderes leisten zu müssen. Es geht darum, still zu werden und sich wieder zu erinnern, was trägt.
- Setze dich für einen Moment in die Stille.
- Nimm wahr, was gerade in dir ist, ohne es sofort verändern zu wollen.
- Frage dich innerlich: Was liegt unter meiner Angst, meiner Unruhe oder meinem Schmerz?
- Spüre, ob du einen tieferen Grund berühren kannst, der einfach da ist.
- Bleibe einen Augenblick bei diesem Grund, auch wenn er nur leise zu ahnen ist.
Vielleicht ist da kein großes Gefühl. Vielleicht bleibt es zunächst ein Vertrauen ohne Beweis. Auch das genügt. Entscheidend ist, immer wieder in Kontakt zu kommen und dafür durchsichtig zu werden.
Dann kann dieser Goldgrund durch uns in die Welt hineinleuchten. Nicht als aufgesetzte Fröhlichkeit, sondern als Güte, Halt, Mitgefühl und eine Kraft, die auch im Schwierigen nicht aufgibt.
Im Grunde getragen sein
Das Leben bleibt brüchig. Manche Fragen bleiben offen. Manche Wunden lassen sich nicht einfach schließen. Aber unter dem, was sich verändert, unter dem, was schmerzt und unter dem, was uns erschreckt, kann ein Grund spürbar werden, der nicht zerbricht.
Vielleicht ist es genau das, was dieser Satz sagen will: Nicht alles ist gut. Aber wir sind tiefer getragen, als wir in schweren Momenten glauben können.
Im Grunde ist alles gut.

