Warum Dunkelheit Schutz gibt, und wie wir ins Licht finden

22. August 2026

Man könnte meinen, dass wir alle ins Licht wollen. In die Leichtigkeit, die Weite, das Offene. Dass wir uns danach sehnen, sichtbar zu werden und das Helle in unserem Leben zu verwirklichen.

Aber so einfach ist es nicht.

Es gibt auch eine tiefe, oft verborgene Liebe zur Dunkelheit. Eine Sehnsucht nach Grenze, Rückzug und Enge. Nach einem Ort, an dem wir nicht gesehen werden, nicht herausgefordert werden, nicht alles offenlegen müssen. Ich kenne diese Sehnsucht gut.


Meine schwarzen Bilder und der kleine Streifen Licht

Vor vielen Jahren nahm ich über lange Zeit an Aquarellübungen teil. Es ging dabei nicht darum, schöne Bilder als künstlerischen Ausdruck zu schaffen. Es ging um Selbsterfahrung, darum, dem eigenen Inneren näherzukommen und transparent zu werden für das Göttliche.

Gemalt wurde in einer Nass-in-Nass-Technik: flüssige Aquarellfarben auf nassem Papier. Die Farben liefen ineinander, veränderten sich, und manches wurde erst sichtbar, nachdem das Bild getrocknet war.

Ich war über Jahre hinweg regelmäßig dort. Und fast immer geschah dasselbe: Ich malte Bilder, die beim Abgeben nahezu vollständig schwarz waren.

Zwei Wochen später, wenn ich wiederkam, war das Bild meistens noch immer schwarz. Aber in seiner Mitte zeigte sich oft ein kleiner gelber Streifen. Ein wenig Licht. Manchmal auch Rot. Etwas, das sich gegen das Dunkle behauptete.

Damals verstand ich nicht wirklich, was ich da tat. Erst viele Jahre später wurde mir klar: Ich musste Schwarz malen.

Das Schwarze gab mir Geborgenheit. Es war Schutz. Es war ein Raum, in dem ich verschwinden konnte. Nicht gesehen zu werden fühlte sich nicht nur bedrohlich an, sondern auch wohltuend. Das Dunkle war für mich nicht einfach negativ. Es hatte etwas Kuscheliges, Stimmiges, Vertrautes.

Natürlich wollte ich nicht nur Dunkelheit. Deshalb tauchten auch Gelb und Rot auf. Das Licht sollte da sein, aber bitte vorsichtig, als kleiner Streifen in der Mitte. Das war damals genau richtig.


Die Sehnsucht nach Enge ist nicht immer äußerlich sichtbar

Auch beim Zeichnen zeigte sich dieses innere Muster. Ich zeichnete oft sehr schmale Formen, fast wie enge Schluchten. Die Begrenzung war mir wichtig. Die Linien sollten dicht beieinanderliegen. Weite fühlte sich nicht selbstverständlich gut an.

Das bedeutet nicht, dass ich es mag, im äußeren Leben eingeengt zu werden. Ich brauche körperlich durchaus Raum, Freiheit und Weite. Auch äußerliche Begrenzungen durch andere Menschen liegen mir nicht.

Und doch gab es innerlich diese Erfahrung: Enge kann sich sicher anfühlen. Grenze kann Geborgenheit geben. Dunkelheit kann Schutz bedeuten.

Vielleicht kennen viele Menschen dieses Gefühl, ohne es klar benennen zu können. Wir wünschen uns rational Freiheit, Entfaltung und Weite. Emotional kann sich das Begrenzte jedoch sicherer anfühlen. Das Verborgene scheint dann geborgener als das Offene.

Im Dunkeln muss ich mich nicht zeigen. Ich kann mich zurückziehen. Ich kann dem entgehen, was gerade ansteht. Ich kann unberücksichtigt bleiben, weil ich verschwunden bin.


Warum Grenzen als Kind Sicherheit geben können

Eine Bekannte erzählte mir einmal von ihrem kleinen Sohn. Als Säugling und Kleinkind bekam er beim Schlafen ein zusammengerolltes Handtuch hinter den Kopf und an die Seite gelegt. Nicht als Einschränkung, sondern damit er eine Grenze spüren konnte.

Kleine Kinder brauchen oft dieses Gefühl von Begrenzung. Es gibt Halt, Sicherheit und Orientierung.

Da fiel mir meine eigene frühe Kindheit ein. Nach einem kurzen Aufenthalt im Kinderbett schlief ich sehr bald in einem viel zu großen Bett. Vielleicht fehlte mir dort etwas: eine Begrenzung, die Sicherheit gibt. Ein Raum, der überschaubar ist und mich hält.

Ich kann nicht behaupten, dass damit alles erklärt wäre. Aber für mich ergab es ein Bild: Die innere Liebe zur Enge, zum Dunklen und Verborgenen hatte Gründe. Sie war kein Fehler. Sie war ein Bedürfnis.

Und das ist wichtig: Ein tiefes Bedürfnis muss nicht beschämt oder sofort beseitigt werden.


Die Dunkelheit war nicht falsch

Es wäre falsch, meine schwarzen Bilder im Nachhinein abzuwerten. Sie waren damals notwendig. Sie haben etwas ausgedrückt, das in mir lebendig war. Sie gaben mir den Schutz, den ich offenbar brauchte.

Auch die engen Zeichnungen waren nicht falsch. Sie entsprachen einer inneren Wahrheit. Eine Zeit lang brauchte ich diese Schluchten, diese Begrenzung, dieses Gefühl, nicht ins Offene treten zu müssen.

Es geht nicht darum, die Dunkelheit schlechtzumachen. Es geht auch nicht darum, sich einzureden, dass man sofort weit, hell und frei sein müsse.

Aber es kommt ein Zeitpunkt, an dem sich etwas verändert. Ein Zeitpunkt, an dem man spürt: Jetzt ist es Zeit aufzubrechen.

Für mich ist dieser Zeitpunkt gekommen. Es ist Zeit, die Grenzen weiter zu setzen. Es ist Zeit, aus der Enge in die Weite zu gehen. Es ist Zeit, aus dem Dunkeln ins Licht zu treten.


Aus dem Verborgenen ins Offene gehen

Dieser Schritt ist nicht leicht. Ich mag Licht. Ich weiß auch gedanklich, wie wichtig es ist. Und dennoch kann Licht sich wie Entblößung anfühlen.

Im Licht werde ich sichtbar. Im Licht tritt manches hervor. Im Licht kann ich mich ausgesetzt und weniger geborgen fühlen. Die Dämmerung ist sanfter. Dort ist nicht alles klar. Dort bleibt manches verborgen.

Doch die Dunkelheit ist kein Ort, an dem wir für immer bleiben sollen.

Wir gehören ins Licht. Wir gehören dorthin, wo wir gesehen werden. Wir gehören in die Weite, auch wenn wir davor Angst haben.

Das ist kein Zwang und keine moralische Forderung. Es ist eine Einladung. Du darfst ins Licht. Du darfst weit werden. Du darfst dich zeigen, in deinem Tempo und mit allem, was dabei vielleicht noch unsicher ist.


Die Weite einüben, ohne sich zu überfordern

Für mich geschieht dieser Weg ganz konkret durch das Zeichnen und Malen. Ich übe, nicht wieder die enge Schlucht in die Mitte des Bildes zu setzen. Ich übe, Fläche entstehen zu lassen. Ich übe, Licht zu zeichnen statt nur Schwarz.

Das sind unauffällige und ungefährliche Wege, um sich mit einer neuen inneren Erfahrung vertraut zu machen. Man muss nicht sofort das ganze Leben umwerfen. Man kann beginnen, das Licht und die Weite in kleinen Formen zuzulassen.

Vielleicht hilft es auch dir, einen eigenen Übungsraum zu finden:

  • Male oder zeichne bewusst mit hellen Farben und offenen Flächen.
  • Beobachte, wann du dich innerlich zurückziehen und unsichtbar werden möchtest.
  • Nimm deine Sehnsucht nach Schutz ernst, statt sie zu verurteilen.
  • Frage dich sanft, wo ein kleiner Schritt ins Offene möglich wäre.
  • Erlaube dir, sichtbar zu sein, ohne sofort perfekt oder vollständig bereit sein zu müssen.

Es geht nicht darum, die Enge zu bekämpfen. Es geht darum, sie wahrzunehmen und zu verstehen. Vielleicht hat sie dich lange geschützt. Vielleicht war sie einmal notwendig.

Und vielleicht ist nun der Moment gekommen, an dem die Grenze weiter werden darf.


Gott ist Licht und unendliche Weite

Für mich hat diese innere Bewegung auch eine spirituelle Dimension. Gott ist weit. Unendlich weit. Und diese Weite kann mich manchmal ängstigen.

Das Göttliche ist Licht: klares, warmes, reines Licht. Manchmal ist dieses Licht so deutlich, dass ich lieber wieder ins Halbdunkel gehe. In die Dämmerung, wo nicht alles sichtbar wird und nicht alles ans Tageslicht treten muss.

Auch das ist okay. Es ist keine Sünde, Schutz zu suchen. Es ist kein Versagen, wenn der nächste Schritt noch Angst macht.

Aber die Einladung bleibt: aus der Dämmerung ins Licht zu gehen, aus der Enge in die Weite. Nicht, weil das Dunkle wertlos wäre, sondern weil das Licht Wachstum ermöglicht.

Wenn wir uns dem Licht zuwenden, kann unsere Seele leuchten. Dann können wir weitergehen. Dann erkennen wir vielleicht etwas von unserer eigenen göttlichen Natur.

Diese göttliche Natur ist Licht und Weite.


Schau nach innen

Vielleicht kennst du das: Du möchtest nicht gesehen werden. Du möchtest im Verborgenen bleiben. Du empfindest Dunkelheit nicht nur als bedrohlich, sondern auch als geborgen. Du spürst, dass Grenzen dich innerlich beruhigen.

Dann gibt es keinen Grund, dich dafür zu schämen.

Es gibt auch keinen Grund, sofort etwas verändern zu müssen. Der erste Schritt besteht darin, ehrlich wahrzunehmen, was in dir lebt. Dieses Bedürfnis hat Gründe. Tiefe Gründe vielleicht.

Und dann darfst du langsam erkunden, ob deine Dunkelheit noch Schutzraum ist oder ob sie bereits zu eng geworden ist. Ob deine Grenze dir Halt gibt oder ob sie dich davon abhält, weiterzugehen.

Vielleicht ist dein nächster Schritt klein. Ein wenig mehr Licht. Ein wenig mehr Raum. Ein vorsichtiges: Hier bin ich.

Das kann genügen.


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