Anselm Grün – 5 Ansätze, die mir weitergeholfen haben

9. September 2023

Am Anfang meiner klösterlichen Laufbahn begegnete ich Anselm Grün, zuerst als Autor und später auch als Mitbruder und Vortragsredner.

Um ehrlich zu sein, er war auf meinem Weg, doch ist er es schon lange nicht mehr. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ich ihn schlecht finde oder ablehne, sondern einfach, dass unsere Wege auseinander gegangen sind. Doch dazu werde ich später noch etwas sagen. Zunächst möchte ich dir Folgendes mitteilen:

Auch wenn mein Weg heute ein anderer ist und ich schon lange keine Bücher mehr von Anselm Grün lese, so ist es mir dennoch wichtig, solche Menschen zu würdigen. Diese Anerkennung wird auch dich auf deinem Weg stärken. Es ist ein Zeichen unserer Demut, uns bewusst zu machen, dass wir nicht alleine durch uns selbst die Menschen geworden sind, die wir heute sind. Andere haben ihren Anteil daran gehabt und werden ihn auch in Zukunft haben. Diese Tatsache zu akzeptieren, führt mich zur Anerkennung der Menschen, die mir auf meinem Weg begegnet sind, auch wenn ich mittlerweile andere Pfade beschreite und andere Themen für wichtig erachte.


Spiritualität trifft Psychologie

Was jedoch vor etwa 30 Jahren, als ich Anselm Grün zum ersten Mal las, für mich so bedeutsam war, möchte ich betonen. Damals war ich noch ein junger Mönch, voller Enthusiasmus und innerer Unklarheit, im Grunde genommen noch völlig unwissend. Für mich war es eine große Bereicherung, Spiritualität und Psychologie nicht getrennt, sondern gemeinsam zu betrachten. Heutzutage mag das selbstverständlich erscheinen, doch zu jener Zeit war es keineswegs selbstverständlich.

Worum geht es dabei im Kern? Es geht darum, uns als Wesen zu begreifen, die sich entwickeln. Unsere menschliche Entwicklung darf niemals von unserer spirituellen Entwicklung getrennt betrachtet werden. Beides geht Hand in Hand. Wir sind auf dieser Erde, um uns vollständig als Menschen zu entfalten, um all unsere Dimensionen zu leben und zu erforschen. Dies ist ein Prozess der Menschwerdung und der Inkarnation, zumindest ein Teil davon. Und dieser Prozess bleibt von zentraler Bedeutung. Wir sollten kontinuierlich an uns arbeiten, denn unser Leben ist die Werkstatt, in der wir an unserem Dasein feilen.

Wenn wir alte Bücher über Spiritualität lesen, fällt oft auf, dass diese Dimension des spirituellen Lebens dort zu kurz kommt. Glücklicherweise sind wir heute weiter fortgeschritten, aber natürlich bleibt die Aufgabe der  Weiterentwicklung weiter bestehen. Es bleibt die Tatsache, dass wir in die tiefen Dimensionen des menschlichen Lebens eintauchen müssen, und das jeden Tag aufs Neue. Wir sollten diese Dimensionen nicht nur erkennen, sondern auch erleben, spüren und wahrnehmen. Dies ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens.

Aus einer solchen Haltung und Erfahrung heraus können uns zum Beispiel biblische Geschichten eine völlig neue Bedeutung geben, da wir sie anders verstehen als zuvor. Wir sind in dasselbe Feld eingetreten, in dem auch Jesus war. Dieses Feld eröffnet uns eine neue Sichtweise und hilft uns, die Zusammenhänge zu begreifen.


In guten Strukturen leben

Ein weiterer Punkt, den ich von Anselm Grün aufgenommen habe, ist die Bedeutung guter Strukturen. Ich erinnere mich daran, dass er früher, als er noch in den Arbeitsabläufen seiner Abtei eingebunden war, immer donnerstagnachmittags seine Bücher geschrieben hat. Immer an diesem Tag und an keinem anderen. Dies mag als extremes Beispiel erscheinen und klingt nach übertriebener Reglementierung.

Und ehrlich gesagt, für mich wäre es das auch gewesen. Doch es zeigt mir und gehört noch immer zu meiner Überzeugung, dass wir gute Strukturen in unserem Leben schaffen müssen. Wir können nicht dauerhaft im Zustand des Flusses und des freien Fließens verharren. Widerstände, Aufgaben und eigene Ziele erfordern eine gewisse Organisation und Planung. Dafür benötigen wir solide und gesunde Strukturen.

Diese Strukturen helfen nicht nur, den Fluss zu leiten und ihn gezielter und kraftvoller zu machen, sondern sie ermöglichen es auch, den Geist von alltäglichen Belangen freizuhalten. Alles, was den Geist unnötig beschäftigt, sollte in eine Routine überführt werden, um den Geist zu entlasten. Der so gewonnene Raum kann für geistige Arbeit genutzt werden, für unser spirituelles Dasein in dieser Welt.

Zudem müssen wir lernen, mit den Strukturen umzugehen, die wir nicht selbst geschaffen haben, was oft als Widerstand bezeichnet wird. Mit Widerständen umzugehen, ohne sich ständig daran zu reiben oder zu ärgern, sondern im Fluss zu bleiben, ist ein weiterer wichtiger Aspekt, der im Leben von großer Bedeutung ist.


Alltag trifft Spiritualität

Ein weiterer Punkt, der mich beim Lesen der Bücher von Anselm Grün berührte, war die unbedingte Verbindung zwischen Alltag und Spiritualität. Dies ist ein Grundthema klösterlichen Lebens. Oft wird der Sonntag im christlichen Verständnis als der Tag angesehen, an dem man sich Zeit für spirituelle Praktiken nimmt und alles ausgleicht, was in den Tagen zuvor vernachlässigt wurde. Doch diese Sichtweise ist ein Trugschluss.

Der wahre spirituelle Tag sind die Wochentage von Montag bis Freitag, an denen du arbeitest und der gewohnte Alltag auf dich wartet. Der Sonntag, oder der spirituelle Tag deiner Wahl, dient lediglich dazu, die anderen Tage zu inspirieren und besser zu verstehen. Du bist zu jeder Zeit und an jedem Ort ein spirituelles Wesen, auch wenn du es nicht immer so erfährst. Es liegt nicht an der äußeren Welt, sondern an deiner eigenen Wahrnehmung und wie du dein Leben gestaltest. 


Körper trifft Spiritualität

Ein weiterer Punkt, den ich bereits in anderen Kontexten erwähnt habe und daher etwas kürzer fassen möchte, ist die Erkenntnis, dass der Körper, der Geist und die Seele alle zusammen zum spirituellen Leben gehören und einbezogen werden müssen. In alten Texten mag der Eindruck entstehen, dass der Körper ein Feind sei, den man besiegen, bestrafen, verkleinern oder zurechtweisen müsse. Doch das ist ein verhängnisvoller Fehlschluss.

Wir leben in diesen Dimensionen, insbesondere in der körperlichen Dimension. Ein Leben auf Erden ist ohne den Körper nicht möglich. Daher sollten wir unseren Körper in unsere spirituelle Praxis integrieren. Ich hoffe, dass du in deinem Übungsrepertoire auch körperliche Übungen hast, nicht nur, um körperlich fit zu bleiben, sondern auch, um spirituell zu wachsen und den Geist im Körper zu erforschen. Dies schließt auch die Bereiche der Sexualität, Leidenschaft und Lust mit ein. Es sind unsere Energien, die eine Form suchen, und wir alle wissen, dass es uns kaum gelingen wird, sie restlos zu zähmen oder zu kontrollieren. Gerade unsere vitalen Kräfte sind immer wieder für Überraschungen gut.


Vertrauen und Gelassenheit

Ein letzter Aspekt, den ich ansprechen möchte, bevor ich erkläre, warum ich heute keine Bücher mehr von Anselm Grün lese, ist seine Betonung von Vertrauen und Gelassenheit. Dies ist besonders in der heutigen Zeit von großer Bedeutung. Wenn ich heute die Zeitung aufschlage, habe ich den Eindruck, dass die Weltlage noch prekärer ist als vor zwei Jahren. Es scheint keinen Bereich mehr zu geben, der nicht von Krisen betroffen ist.

In solchen Zeiten sind Vertrauen und Gelassenheit tatsächlich von größter Wichtigkeit und werden es auch in Zukunft sein. Es ist jedoch leichter gesagt als getan, mehr Vertrauen zu entwickeln oder gelassener zu sein. Vertrauen kann nicht erzwungen werden, es wächst organisch und benötigt Zeit. Es basiert auf innerer Ausrichtung und Erfahrungen. Wir sollten uns auf die positiven Erfahrungen aus unserer Vergangenheit konzentrieren, um Vertrauen aufzubauen und zu stärken. Zudem sollten wir das geistige Feld in unser Leben integrieren, um eine umfassende Sicht auf die Welt zu entwickeln.


Warum ich Anselm Grün nicht mehr lese

So, nun habe ich einige Themen genannt, die mir bei Anselm Grün wichtig waren, und habe versucht, sie so zu erklären, wie ich sie selber sehe. Nun komme ich jedoch zu einem großen "Aber", das meine Wertschätzung nicht schmälert. Trotz dieser Wertschätzung lese ich keine Bücher mehr von ihm. Warum? Weil mir etwas Wesentliches fehlt. Ich möchte dir zeigen, was ich wichtig finde, ohne mich dabei immer explizit von Anselm Grün abzugrenzen.

Zuerst ist es für mich wichtig zu sagen, dass Spiritualität nicht nur rational zu erfassen und zu verstehen ist, sie ist auch immer unwillkürlich und in gewisser Weise sogar irrational. Die Irrationalität des Geistigen ist wichtig zu berücksichtigen und stets präsent. Zur Spiritualität gehören auch Extase und Überwältigung, das Unerklärliche, das uns mitreißt und überflutet wie ein Orgasmus. Dies sind ebenfalls Dimensionen der Spiritualität.

Für mich selber gewinnt das geistige Leben immer mehr an Bedeutung. Es ist das eigentliche Leben, das uns trägt, ähnlich wie ein Fluss ein Boot trägt oder ein Segelflugzeug von der Thermik getragen wird. 

Dieses geistige Leben ist immer präsent, immer gegenwärtig und es will in seiner Unmittelbarkeit erfasst werden. Es existiert jenseits von Worten, Bildern und Bewegungen und doch umfasst es all dies. In jedem Augenblick fließt eine unaufhörliche Kraft in uns hinein, wenn wir es zulassen und bereit sind.

Ich empfinde, dass dies mein Weg ist. Und noch mehr, ich spüre, dass es ohnehin nichts mehr zu lesen gibt. 

Es gibt zwar Bücher, die ich lese, und sie sind interessant, aber keines kann mich wirklich führen, weil es nichts mehr zu führen gibt. 

Die Führung geschieht von selbst, oder etwas Anderes hat begonnen, mich zu führen. Daher lasse ich Anselm Grün los und erlaube ihm, seinen eigenen Weg zu gehen, während ich meinen Blick auf das Geistige richte und meinem eigenen Weg folge.


korrigiertes Transskript


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