Das sind die drei häufigsten Formen der Urwunde

11. März 2023

Um es gleich zu sagen, Urwunden heilen nicht einfach so. Es reicht dafür nicht, ein paar Sitzungen bei einem Psychotherapeuten zu buchen und dann ist alles wieder gut. Wir nennen sie nicht umsonst Urwunde, weil sie Ausgangspunkt für viele Leiden und innere Verletzungen ist.
Urwunden brauchen daher oft sehr lange und nicht selten ein ganzes Leben, damit sie heilen. Vermutlich heilen sie bei vielen nie ganz oder auch gar nicht.
Daher werde ich Dir auch kein Geheimrezept anbieten können, keine fünf Schritte und schwups ist alles wieder gut.
Und noch etwas, bevor ich Dir die drei häufigsten Formen der Urwunde vorstelle. Urwunden sind auch eine Welle großer Inspiration und oft Teil eines großen Berufungsweges.
Es geht also nicht einfach darum, etwas wegzumachen, sondern zu transformieren und davon zu lernen.


Hat jeder Mensch eine solche Urwunde?

Ja, das denke ich schon. Vielleicht ist der Eintritt in diese Welt gar nicht anders denkbar. Vielleicht ist der Prozess der Inkarnation so, wie bei Menschen, die eine Nahtoderfahrung machen. Sie entscheiden sich zwar zurückzukehren, aber sie wissen, dass es eine Rückkehr in die Schwere und in das Leid ist. Nichts, worauf man sich freut und doch tun sie es, weil sie spüren, dass sie noch etwas zu erledigen haben oder Menschen auf sie warten.
In diese Schwere einzutauchen, kann schon eine Form der Urwunde sein.
Ja, manche Menschen wirken immer so vergnügt, denen scheint alles zu gelingen und die scheinen etwas Derartiges gar nicht zu haben. Das mag sein. Aber bedenke auch dies, und das wäre ein eigenes Video wert: Eine Form der Urwunde kann auch sein, gar nicht mehr an die eigene Tiefe heranzukommen, abgeschnitten zu sein von einer Erfahrung, die mich vielleicht zutiefst erschüttert.
Auch das kann eine besondere Form der Urwunde sein, die meine Erlebnisfähigkeit stark beeinträchtigt, die aber meistens nicht als Wunde erkannt wird.
Nun aber zu den drei häufigsten Formen der Urwunde.

Unterbrochene Hinbewegung.

Dieser Begriff wurde meines Wissens von Bert Hellinger geprägt. Ich habe diese Urwunde schon oft in Aufstellungen gesehen und sie ist wirklich nicht leicht zu verändern und zu heilen.
Die unterbrochene Hinbewegung zeigt sich im Erwachsenenalter meistens darin, dass man Probleme mit Beziehungen hat. Ja, man möchte eine Beziehung, will sich fallenlassen und es genießen, mit jemandem zusammen zu sein. Und doch, immer wieder zieht es mich weg. Ich gehe auf einen Menschen zu und dann plötzlich spüre ich, dass ich weggehen muss, ich muss mich umdrehen und den Ort verlassen. Menschen, die an dieser Urwunde leiden, können oft keine dauerhaften Beziehungen eingehen, da sie immer wieder weggehen müssen.
Sie gehen auf andere zu, wollen in Beziehung gehen und dann an einem bestimmten Punkt müssen sie fliehen.
Oder aber Menschen fühlen in sich immer wieder diese Trennung. Nirgends kann man ankommen und landen, weil eigentlich alles immer wieder als Trennung erfahren wird.

Das ist genau dieses Phänomen der unterbrochenen Hinbewegung. Und sie entsteht, wie meistens in der Kindheit.
Wir dürfen den Begriff “unterbrochene Hinbewegung” ganz wörtlich nehmen. Stell Dir folgende Szene vor. Ein Kind hört, dass die Mutter nach Hause kommt und freut sich. Sie rennt auf die Mutter zu und möchte sie umarmen und gedrückt werden. Die Mutter aber ist mit etwas ganz anderem innerlich beschäftigt und vielleicht sogar belastet und will jetzt nicht. Und wenn sie etwas schroffer reagiert, dann fühlt sich das Kind in der Hinbewegung zur Mutter aufgehalten, die Hinbewegung wird unterbrochen. Das ist einmal erlebt, nicht schlimm und gehört zu einer ganz normalen menschlichen Erfahrung. Aber wenn es immer wieder passiert und auch in Situationen, die noch emotionaler und wichtiger für das Kind sind, dann kann dieses Phänomen der unterbrochenen Hinbewegung entstehen.
Eine andere Ursache kann sein, wenn wichtige Bezugspersonen in der frühen Kindheit gefehlt haben – manchmal fehlen übrigens Menschen nicht, weil sie weg sind, sondern weil sie innerlich mit einem anderen Thema oder einem anderen Menschen verbunden sind.

Man will auf jemanden zugehen, aber die Erfahrung hat gelehrt, dass man nicht ankommt, dass man zurückgewiesen wird. Man spürt den Motor in sich, der Beziehung und Begegnung möchte, und ab einem bestimmten Zeitpunkt der Nähe wird die Bremse wach, die sagt: Nein, das ist gefährlich, Du wirst abgewiesen und Du wirst nicht willkommen geheißen.
Man möchte Heimat finden, möchte irgendwo sesshaft werden und findet nie einen Ort, wo das gelingt. Menschen, die oft umziehen, den Beruf oft wechseln, können Menschen sein, die von der unterbrochenen Hinbewegung betroffen sind.

Und so kann sich ein ganzes Leben und man kann sagen ein ganzes Drama entwickeln, allein aus dieser ewigen Bewegung hin und dann abgeblockt und weg.

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Angst vor Hingabe

Die nächste Form der Urwunde ist die Angst vor der Hingabe. Vielen Männern geht es so, sie können sich nicht wirklich entspannen, können nicht loslassen. Immer wollen sie machen, wollen aktiv sein, regeln, die Zügel in der Hand behalten. Aber das geht nicht, das Leben funktioniert so nicht und die schönsten Dinge im Leben geschehen, wenn ich mich hingeben kann.
Sex ist nur erfüllend, wenn ich mich einem anderen Menschen und dem Erleben ganz hingebe. Spirituelle Erfahrungen sind ebenfalls nur möglich, wenn ich mich ihnen hingebe. Es ist diese Grundhaltung im und zum Leben, die wichtig ist. Das Abgeben von Vorstellungen, das Aus-der-Hand-Legen der Zügel, nichts mehr regeln können und wollen und sich auf etwas einlassen, was man nicht mehr kontrollieren kann.
Manche nehmen Drogen, um genau das zu erfahren. Aber gerade dahinter kann die Unfähigkeit sich hinzugeben stecken. Denn dann muss man durch Hinzunahme eines Stoffes dafür sorgen, dass es mir gelingt.
Ich kenne einige Menschen, da ist es umgekehrt, aber aus dem gleichen Grund. Sie wollen keinen Tropfen Alkohol trinken, was ja erst einmal völlig legitim ist. Aber man spürt, hier geht es nicht darum, dass jemand keinen Alkohol trinken will, sondern hier will jemand eine Erfahrung meiden, nämlich, die Kontrolle zu verlieren. Und auch das kann ein Ausdruck dafür sein, dass jemand Angst vor der Hingabe hat.
Wir lernen früh, ob wir vertrauen können und wir lernen viel von unseren Eltern, wie das Leben zu verstehen ist. Wurde in meiner Familie nach dem Grundsatz gelebt, es wird schon gut gehen oder danach, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?
Durfte ich ausgelassen sein, waren meine Eltern es? Ein interessantes Symptom kann auch die Feierkultur in der Familie sein. Wenn eine Familie nicht wirklich feiern kann, dann kann es ein Zeichen dafür sein, dass Hingabe in dieser Familie als gefährlich angesehen wird.

Aber ohne Hingabe werden wir nicht satt im Leben, ohne Hingabe können wir Gott nicht erfahren, machen wir keine spirituellen Erfahrungen.

Angst vor Vernichtung

Und so kommen wir zur letzten der drei Formen der Urwunde. Und hier geht es ganz klar um die Angst vor der eigenen Vernichtung. Ich sage es extra so klar und hart. Von dieser Angst ist niemand verschont, wir tragen sie wie ein Kainsmal in uns. Wir wollen nicht ins Dunkle fallen, wollen nicht, dass irgendwann das Licht ausgeht und wir nicht mehr sind. Der Wunsch nach ewigem Leben hat schon für viele Geschäftsideen gesorgt. Und die ganzen Religionen und spirituellen Traditionen versuchen, die Angst zu kanalisieren und zu beruhigen.
Aber sie steckt uns dennoch tief in den Knochen und wir versuchen, das Altern aufzuhalten, versuchen so viel Leben wie möglich in unsere Tage zu packen.
Manche reiche Menschen gründen Stiftungen, die ihren Namen tragen, um eine Verstetigung des Lebens über den Tod hinaus zu erwirken. Oder man macht Sport, isst nur noch Gesundes, kauft nur noch beim Bio-Supermarkt ein – das ist alles gut und richtig, aber es kann auch aus einer Angst kommen, aus der Angst vor der Vernichtung. Und wir haben es in der Corona-Zeit erlebt. Es gab viel von dieser Angst – und sie war ja auch nicht unberechtigt. Doch manche kommen nun aus dieser Angst nicht mehr heraus und nisten sich darin ein.
Ich glaube, dass ich diese Urwunde nicht so ausführlich darlegen muss, sie ist so evident und liegt so sehr auf der Hand.

Wie mit Urwunden umgehen?

Ich möchte viel lieber jetzt noch ein paar Dinge dazu schreiben, wie man mit Urwunden umgehen kann.
Oft sind Psychotherapeuten mit Urwunden übrigens überfordert, weil es nicht immer um ein psychisches Problem geht, sondern um ein existenzielles. Es gibt nicht immer ein klassisches Trauma, was dahinter steht und das man bearbeiten kann. Es reicht oft nicht, nach einer Auslösersituation zu suchen oder durch Techniken die Gefühle herunterzuregulieren.

Bei allen geht es nämlich um das Vertrauen. Das Vertrauen, das der Boden trägt, das Vertrauen, dass ich ankommen kann und dass ich nicht ins Bodenlose falle, wenn ich zurückgewiesen werde.
Das ist der Kern der Urwunde und vielleicht aller Formen von Urwunden.
Trägt das Eis oder trägt es nicht?
Wird das Leben mich weiter tragen, kann ich mich auf das Leben verlassen?
Das sind Grundfragen des Lebens, die Du Dir einmal in Ruhe und über eine längere Zeit stellen solltest, um herauszufinden, wie Deine Haltung zum Leben und zum Dasein ist.

Es braucht eine eher weibliche Haltung, eine Haltung, die aus der Anima kommt. Von hierher kommt Vertrauen und Hingabe.
Es braucht Zeit, viel Zeit und die Bereitschaft, mich immer wieder auf Situationen einzulassen, die mein Vertrauen brauchen. Übe es zu vertrauen, Dich einzulassen, spüre, dass der Boden trägt und spüre, dass auch das Fliegen und das Schweben schöne Zustände sein können. Der Boden muss nicht immer fest sein.
Bringe in die Erfahrung Deiner Urwunde so viel Bewusstheit wie möglich. Oft geschehen solche Dinge wie bei einem inneren Computerprogramm – es ist völlig absehbar, was passiert und geschieht, ohne dass Du eine Entscheidung treffen musstest. Spüre, wie es bei Dir passiert, wie die einzelnen Phasen ablaufen, wo Deine Urwunde aktiviert wird.

Um Urwunden zu behandeln, braucht es viel Stetigkeit und Ausdauer und immer wieder üben und sich einlassen in das Vertrauen, das ist der Weg.

korrigiertes Transskript



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