Warum wir uns immer wieder im Leben verlieren?

23. Mai 2026

Es ist doch immer wieder das gleiche. Immer wieder die gleiche Geschichte, die wir erleben können. Und ich habe sie selbst oft genug erlebt – und wer weiß, vielleicht werde ich sie noch ein paar Mal erleben.

Du lebst so vor dich hin. Es läuft so ganz gut insgesamt. Ja, man hat Schwierigkeiten, Probleme, man hat so seine Freuden, an denen man sich erfreut und auf die man hinlebt: ein schönes Wochenende, einen Urlaub, eine Begegnung. Du bist mit netten Menschen zusammen, manchmal bist du auch ein bisschen alleine. Du guckst Fernsehen, du machst dies und jenes. Ja, es läuft alles so ganz gut, ganz nett.

Und irgendwann kommt der Augenblick, wo du den Eindruck hast: Ja, das war alles ganz schön, aber ich habe nicht mich gelebt. Ich habe nicht aus meiner eigenen Essenz herausgelebt, aus meinem Urgrund. Ich habe nicht aus der Verbindung mit meinem Urgrund gelebt, sondern irgendeine andere Variation von Leben gewählt, die aber mit dem Wesentlichen überhaupt nichts zu tun hat. Es plätscherte an der Oberfläche entlang – mit der Illusion zu meinen, das wäre das wirkliche Leben, das wären sie, die kleinen Freuden des Alltags, die man so hat.


Das Erwachen aus der Oberfläche

Damit war ich zufrieden, und ich hatte auch eine lange Zeit, in der ich dachte: Das ist es. Ich musste dann irgendwann sogar sehr bitter erkennen – nicht, dass das alles schlecht war, so einfach ist es ja auch nicht, dass ich da sagen kann, das kann ich alles wegwischen, das bedeutet gar nichts. Nein, aber ich musste erkennen, dass ich im Kern in dieser Zeit nicht mit mir verbunden war. Dass ich mit diesem Urgrund nicht wirklich in Kontakt war. Ich habe Gutes getan, gewirkt, war sehr kreativ und aktiv. Ich war sehr erfolgreich, aber ich musste dann irgendwann feststellen: Das kann ich nicht mehr lange weitermachen, ohne mich selbst zu verraten. Irgendwann musste ich dann einen anderen Weg wählen.

Und ich glaube, so geht es vielen anderen Menschen auch.

Was muss alles passieren, bis man irgendwann erkennt, was das Wesentliche ist? Was muss alles passieren, damit wir irgendwann erkennen, worum es wirklich geht, was mein Leben ist und was es bedeutet, mit Gott zu leben? Aus dem göttlichen Raum heraus zu leben, aus diesem Feld – um es eigentlich noch weiter zu beschreiben. „Raum“ ist viel zu klein, Raum ist begrenzt. Aber ein Feld ist unendlich.

Und vor allem: Wie kommt es, wie kommt es, dass wir uns immer wieder untreu werden? Wie kommt es, dass wir immer wieder unseren Weg verlassen?


Das unmerkliche Abgleiten

Wir gehen mutig voran. Wir haben eine schöne Erfahrung gemacht. Meditation gehört nun allerdings zu unserem Alltag. Wir haben einen Meditationsretreat besucht. Das war sehr intensiv, das war sehr gut. Das hat uns gestützt und weitergebracht. Jetzt erst recht! Und wir beginnen mutig unseren Weg. Wir machen das, und es läuft auch ganz gut – am Anfang ganz besonders.

Dann kommt eine dürre Phase. Ja, das wussten wir. Wurde uns ja auch gesagt, dass das so kommen kann. Ich gehe trotzdem weiter. Ich lese auch ein Buch, das eine oder andere. Und irgendwann schleicht sich da was ein, ohne dass ich es gar nicht merke. Unzufriedenheit, Unerfülltheit, andere Dinge, die da sind, die wichtig sind. Meditation bringt mir schon lange nichts mehr so richtig. Dass es nur Gewohnheit geworden wäre, aber auch nicht. Und dann plätschere ich so in andere Gewässer ab. Ich wandere so ein bisschen ab, gleite so weg, und ich merke es gar nicht so schnell.

Und dann ist es irgendwann passiert. Bis irgendwann – und ich sage dir, das Leben kann brutal dabei vorgehen – bis irgendwann ein Einschnitt kommt. Eine Grenze wird aufgezeigt, eine Trennung, eine Krankheit, eine Kündigung, was auch immer. Und ich muss dann im Nachdenken darüber, was da eigentlich gerade in meinem Leben passiert, erkennen, dass ich eigentlich seit Jahren nicht mehr so lebe, nicht mehr aus mir heraus lebe, nicht im Kontakt mit mir lebe.

Das kann passieren. Und es passiert jeden Tag zigmal, jede Stunde, jede Sekunde passiert es, dass Menschen erkennen müssen: Hm, da bin ich aber weit, weit weg von dem, was ich eigentlich bin und was mich erfüllt, was mein Herz erfreut, was meine Seele aufblühen lässt. Weit davon entfernt.


Warum wir den leichten Weg wählen

Warum? Wieso? Wieso kommt das immer wieder?

Nun, ich glaube, das Oberflächliche – ich will das mal mit diesem Wort beschreiben, es ist natürlich komplexer als nur „das Oberflächliche“, aber ich will es damit beschreiben – das Oberflächliche ist immer einfach und leicht. Nicht, dass es da nicht auch schwierige Situationen gäbe, aber es bleibt immer oberflächlich eben leicht, easy. Auch die schweren Zeiten werden, wenn sie oberflächlich betrachtet werden, sehr einfach betrachtet, nicht in ihrer Tiefe. Es sind Antworten, die erstmal den Verstand zufriedengeben, aber nicht die Seele. Die Seele ist mit oberflächlichen Antworten nicht zufrieden. Aber unser Geist, unser Gehirn sogar, ist mit einfachen Antworten oft zufrieden. Das reicht völlig aus, damit ist das erstmal erledigt.

Und wir gehen schnell den leichten Weg. Den Weg, der einfach ist, der wenig Frustration bereithält, wenig Enttäuschung, wenig Langeweile, wenig Mühe vor allem, sondern der es einfach leicht macht. Das hat schon was mit unserem Gehirn zu tun. Ja, da gibt es auch Bahnen sozusagen, Straßen, die sehr breit sind. Die nehmen wir gerne, weil es leicht ist. Alles andere, was Tiefe verlangt, was auch eine Treue verlangt, auch eine gewisse Frustrationstoleranz, das sind schmale Pfade. Die finden wir nicht leicht, und wenn wir nicht geduldig und entschlossen dranbleiben, übersehen wir sie auch schnell – und schupps, sind wir weg. Sind wir wieder verfallen. Wir verfallen wieder alten Mustern, von denen wir wissen, dass sie uns letztlich nicht zu der tiefen Nahrung führen, die unsere Seele braucht.

So gleiten wir ab, weil wir das Leichte suchen, weil unser Geist mit dem Leichten oft zufrieden ist, weil wir diese Frustrationstoleranz oft nicht aufbringen, die wir aber brauchen. Und das ist eben das, wie manche Menschen leben: verwöhnt von den Genüssen des Alltags, von dem, was einem so gereicht wird. Was die Werbung uns natürlich auch anreicht. Die Werbung gibt dir auch Antworten auf deine Bedürfnisse und sagt: „Nimm das, das ist lecker, das ist gut.“ Und schon hast du ein wenig Glück in deinem Leben.


Die Bequemlichkeit und die Sehnsucht nach Tiefe

Ja, was braucht es eigentlich, damit wir unseren Weg finden? Was braucht es, damit wir nicht immer diesen leichten Weg gehen, der so vorgezeichnet zu sein scheint, der so angelegt ist in uns, es uns leicht und easy zu machen?

Weißt du, alle Neuerungen, alle technischen Errungenschaften, die den Menschen ermöglichen, bequemer zu leben – das hat man herausgefunden –, haben immer Erfolg. Deswegen wird doch die KI großen Erfolg haben und ähnliche Dinge. Das lässt sich nicht aufhalten, weil die Menschen sich freuen, wenn sie in der Bequemlichkeit verharren können. Und ich mag es ja auch, wenn es leicht ist, so ist es nicht. Aber wenn du Erfüllung willst, Tiefe in deinem Leben, wenn du dich speisen möchtest aus Quellen, die eben nicht zu kaufen sind, die in der Tiefe schon in dir angelegt sind und die dich wirklich tragen durch das Leben, dann ist das „leicht und easy“-Leben nicht das Richtige.

Aber kommen wir dazu: Was braucht es, damit du eben nicht den Weg der Bequemlichkeit gehst, sondern deinen Weg? Sondern den Weg in die Tiefe gehst, der dich mit dem Göttlichen in Kontakt bringt, in Tuchfühlung bringt?

Lass das mal auf dich wirken: Was kann das bei dir sein, was dich immer wieder in diese Tuchfühlung bringt? Wo du, als wärst du ein Schiff, das über das Meer fährt, plötzlich ganz unten am Bug spürst, an etwas zu stoßen, was du nicht sehen kannst. Und du spürst: Damit bin ich plötzlich in Kontakt mit etwas ganz Tiefem. Etwas, was dir vielleicht sogar die Tränen in die Augen treibt. Wie fühlt sich das an?


Die Praxis der Erinnerung

Ich glaube ganz persönlich – und so versuche ich es auch für mich zu leben –, dass wir ohne eine gute spirituelle Praxis nicht leben können. Die Mönche, die in Klöstern leben, leben es uns insofern vor. In meinem Kloster ist es nicht anders: Im ursprünglichen Konzept war es so, dass siebenmal am Tag zusammengesessen und gebetet wurde. Warum? Um die Menschen, um die Mönche immer wieder daran zu erinnern: Was ist das Wesentliche?

Ist es dein Streit gerade, den du hattest mit irgendeinem Mitbruder, oder ist es jetzt dran, dich auszurichten auf das Göttliche? Was ist das Wichtige? Dein Essen gerade, oder jetzt hier zu sitzen und dich auszurichten auf das, was dich in der Tiefe nährt? Dein Körper braucht auch Ernährung, keine Frage, aber eben deine Seele auch. Was ist wirklich wichtig?

Deswegen ist eine spirituelle Praxis keine großen Vorhaben, keine idealistischen Modelle, was man alles machen könnte. Es bedeutet, dich einfach mehrmals am Tag erinnern zu lassen:

  • Wozu bist du hier?

  • Mit welcher Haltung möchtest du jetzt leben?

  • Wie bist du jetzt verbunden mit der Tiefe und mit dem Göttlichen?

Das ist es: mehrmals am Tag einfach eine Frage zu nehmen, sie auf sich wirken zu lassen, auf dich wirken zu lassen, und deine Antwort zu finden. Das ist wie das Gebet der Mönche siebenmal am Tag. Es ist eine Heranführung an ein spirituelles Leben, damit wir eben nicht abgleiten in das beliebige, leichte Easy, das uns keine schwierigen Fragen stellt – überhaupt nicht –, sondern nur Antworten liefert, bevor wir überhaupt eine Frage haben, damit wir erst gar nicht ins Grübeln kommen.


Gerüstet für das Schwere

Diese Praxis gibt uns die Kraft, auch das Schwere zu tragen. Das kommt im Leben immer irgendwie, das wissen wir. Und ich vermute, dass die meisten von euch auch alt genug sind, um das schon erlebt zu haben. Gleich kommt das Schwere, und dann ist es gut, gerüstet zu sein. Etwas zu haben, was dich wirklich trägt. Was dir Kraft gibt, die nicht nur aus dir kommt. Die dir den Trost gibt über dein Leben hinaus, die dir das Gefühl, die Fühligkeit der Ewigkeit schenkt. Die Fühligkeit des Göttlichen, wo du hineingehst, wo sich plötzlich das Portal für dich öffnet – so kann man es als Bild empfinden – und du spürst: „Ja, hier bin ich. Ich, und doch ganz du, Gott.“ Und aus diesem Kraftfeld kann ich leben und sein. Kann ich in dieser Welt wirken, ohne mich darin zu verfangen, ohne nur easy going zu machen. Das wäre für mich der Weg, um den es geht.

Also schau mal: Was kannst du als einfache, wirklich einfache, leichte Übung wählen? Und da kommt es ein bisschen ins Spiel: Wir dürfen es uns da auch leicht machen, es muss keine komplizierte Sache sein. Den Hang zur Leichtigkeit dürfen wir in der Spiritualität in dieser Hinsicht nutzen, indem wir einfache Übungen nehmen. Übungen, die nicht kompliziert sind, wo wir nicht nachlesen müssen, was ich jetzt machen muss, sondern die sich sofort irgendwie einprägen, sofort flüssig und fast spielerisch laufen. Das Spielerische ist schon ein wichtiger Aspekt.

Wenn du das hast, dann tu es einfach mehrmals am Tag. Kleine Minipausen, kleine Übungen, kleine Fragen, kleine Minirituale – was auch immer es sein mag, was dich anspricht und dich verbindet –, um dich immer wieder auf das Wesentliche hin auszurichten.

Und dann ebnet sich mit der Zeit die Bahn. Dann ebnet sich auch im Gehirn die Bahn, und wo auch immer dann noch, damit du deinem Weg treu bleibst. Damit du dem Weg mit Gott treu bleibst, in Gott treu bleibst.


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