Jeder spirituelle Weg ist ein Weg zur Heilung. Jeder wirkliche spirituelle Weg ist und muss ein Weg zur Heilung sein. Wäre er das nicht, bliebe er abgehoben und hätte mit dem Leben, mit dem Leiden, schlicht nichts zu tun.
Spiritualität ist Lebensgestaltung. Sie ist Ausdruck von Leben und Lebendigkeit, sie ist Unterstützung im Alltag. Sie will Leben verwirklichen und in diese Welt bringen – genau das, was du mitgebracht hast, als du auf diese Welt gekommen bist. Dich zu verwirklichen, ist Inkarnation. Das ist deine Inkarnation. Deshalb muss Spiritualität selbst einen heilenden Charakter haben.
Die Einheit von Körper und Geist
Natürlich mag das allein nicht immer ausreichen. Es gibt viele Wege zur Heilung, und oft braucht es verschiedene Arten der Unterstützung. Aber ohne Heilung ist Spiritualität auf Dauer meines Erachtens nicht möglich und nicht sinnvoll. Umgekehrt ist eine klassische Therapie, so wie wir sie kennen und wie sie üblicherweise von Krankenkassen übernommen wird, ohne eine spirituelle Komponente oft nicht ausreichend für eine wirkliche Heilung. Es gehört zusammen.
Man kann uns nicht trennen. Man kann auch Körper und Geist nicht trennen. Wer meint, man müsse nur den Körper heilen und der Geist hätte damit nichts zu tun – oder umgekehrt –, der irrt. Es ist immer ein Zusammenspiel. Wir sind eine Einheit. Das ist der wichtigste Punkt, wenn es darum geht, wie in einem spirituellen Raum Heilung geschehen kann: Der Mensch muss sich als Einheit erkennen, und du musst die anderen Menschen als Einheit erkennen. Es gibt nicht „ein bisschen Seele“ und dann „ein bisschen Körper“. Es ist immer eins.
Das Ankommen im eigenen Körper
Dennoch kannst du dich in einem Prozess einzelnen Aspekten zuwenden. Heilung geschieht, wenn du deinen gesamten Körperinnenraum wirklich bewohnst. Das ist kein Zustand, den man auf Knopfdruck erreicht, sondern ein Weg: das Einwohnen in deinem eigenen Körper. Es ist die Vollendung der Inkarnation, wirklich in dir selbst anzukommen.
Viele Leiden, insbesondere psychische, gehen damit einher, dass wir Teile unseres Körpers nicht wirklich spüren oder wahrnehmen. Körpertherapeuten arbeiten genau damit: wieder in Kontakt zu kommen mit bestimmten Körperteilen, mit inneren Anteilen, mit Aspekten deiner Seele und mit den Wunden, die du in dir trägst. Der Weg der Heilung ist also in gewisser Weise eine Vollendung der Fleischwerdung deines Lebens. Es geht darum, dich in deiner Körperlichkeit zu spüren – nicht nur, wenn es schmerzt oder Verspannungen auftreten, sondern im Hier und Jetzt.
Dem Schmerz begegnen
Viele Menschen leiden unter Verspannungen. Auch ich kenne das, gerade wenn ich viel am Schreibtisch arbeite. Vielleicht kennst du das auch? Diese Verspannungen sind Hinweise. Sie zeigen nicht nur, dass wir eine Fehlhaltung haben oder viel am Computer sitzen. Sie zeigen auch, dass wir vieles mit uns herumtragen – auf den Schultern, im Nacken. Es ist eben immer eins. Wir können das nicht monokausal auf Haltungsschäden reduzieren; es ist immer mehr.
Spüre deinen Körper. Versuche, die tauben Stellen, etwa im Rücken oder Schulterbereich, durch bewusstes Erspüren wahrzunehmen und sie als Teil von dir anzunehmen. Damit Heilung geschehen kann, ist es wichtig, sich dem Schmerz zu nähern. Manche versuchen, ihn zu umgehen, ihn zur Seite zu legen und sich nur den schönen, traumhaft leichten Seiten zuzuwenden. Doch das ist ein Irrtum. So funktioniert Heilung nicht. Vielleicht hast du es versucht – aber der Weg der Spiritualität, gerade der Mystik, besteht darin, sich diesen schmerzhaften Teilen zu nähern. Nicht, um darin unterzugehen oder das Leiden zu vergrößern, sondern um zu verstehen.
Jeder Schmerz hat eine Geschichte, eine lange Geschichte. Ihr zuzuhören, ihr nachzuspüren, den entscheidenden Punkt der Verletzung zu finden und dabei zu bleiben, so lange es geht – das ist Heilung. Es wird nicht immer sofort ganz gehen. Zur Heilung gehört auch, sich nicht zu überfordern. Zwinge dich zu nichts. Es muss nicht alles sofort geschehen. Sei vorsichtig, schütze dich, schone dich, wenn es nötig ist. Sag dir: „Das reicht für heute, morgen geht es weiter.“ Alles, was mit Druck passiert, führt nicht zur Heilung, sondern zu erneuter Selbstverletzung. Gehe also behutsam vor. Spüre: Was ist das für ein Gefühl, das dir das Leben so schwer macht? Was erzählt es dir? Verstehe es. Sag diesem Gefühl: „Ich verstehe dich. Ich verstehe dein Leid.“
Sanftheit statt Härte
Werde weich. Ganz weich. Viele Belastungen führen zu einer Härte in uns, zu einer Vermauerung, weil wir Sicherheit und Schutz brauchen. Wir denken, Härte sei der Weg. Aber Härte sorgt dafür, dass Dinge starr bleiben und sich nicht verändern. Wenn du Grenzen setzt, schützen sie dich vielleicht nach außen – aber dauerhaft schließen sie auch dein Inneres ein. Werde also weicher. Lass deine Grenzen durchlässiger, flexibler werden. Das gilt auch für deine Urteile über dich selbst und über andere.
Nenne die Dinge beim Namen. Wo Verletzung war, war Verletzung. Das macht man nicht besser, indem man es beschönigt. Aber wenn es benannt ist, darf das Urteil weicher werden. Alles hat eine Ursache. Alles Schwierige hat oft einen Schmerz als Ursprung, der tief vergraben ist. Erkenne das an, ohne es zu bagatellisieren. Werde weich in deinem Urteil, weil die Dinge meist viel komplexer sind, als du auf den ersten Blick meinst. Einfache Urteile werden der Sache nicht gerecht.
Sicherheit und die Verbindung von Himmel und Erde
Sorge immer wieder für Sicherheit. Wer verletzt oder gekränkt ist – selbst wenn daraus Wut entstanden ist –, verbirgt dahinter oft einen tiefen Wunsch nach Sicherheit. Spüre, dass du festen Boden unter den Füßen hast. Die meisten unserer Probleme entstehen, weil wir uns zutiefst unsicher fühlen, weil wir meinen, in Gefahr zu sein. Wie findest du in deine Sicherheit zurück?
Die Spitze des Ganzen ist die Verbindung von Himmel und Erde. Heilung geschieht dort, wo das Himmlische mit dem Irdischen verschmilzt. Bringe deinen Schmerz mit dem Göttlichen in Kontakt. Oft ist beides getrennt: Entweder bist du ganz im Schmerz, oder du fliegst in das Höhere, ohne den Boden zu berühren. Die Kunst ist, beides wahrzunehmen. Pendle zwischen deinem Schmerz und dem Göttlichen, wechsle hin und her, bis beides in dir zusammenfließen kann.
Wenn ich das Bild des Feldes nutze, sind Schmerzen oft Exklaven – kleine Bereiche, die völlig abgegrenzt sind. Sie in das Feld zu integrieren, sie durchströmen zu lassen von göttlicher Liebe und Heilung, das ist der Kern. Es geht nicht um die Form, wie du meditierst oder betest. Es geht um diese basalen Dinge. Das ist Spiritualität, die heilt.

