Irgendetwas hat jeder von uns. Eine kleine Schwäche, eine heimliche Leidenschaft oder eine jener „Sünden“, die uns immer wieder einholen. Vielleicht ist es die Tafel Schokolade am späten Abend, das eine Glas Wein zu viel oder der Marathon an zweitklassigen Filmen, bei denen man sich am nächsten Morgen fragt: „Warum habe ich das schon wieder getan?“ Dieses Gefühl von Scham und das obligatorische schlechte Gewissen sind uns allen nur zu vertraut. Wir nehmen uns fest vor, dass es das letzte Mal war, doch schon bald finden wir uns in derselben Situation wieder.
In diesem Beitrag gehen wir der Frage nach, warum der harte Kampf gegen unsere eigenen Unzulänglichkeiten meist zum Scheitern verurteilt ist und welche Rolle ein radikaler Perspektivwechsel spielen kann. Es geht nicht darum, perfekt zu werden, sondern einen Weg zu finden, wie wir mit unseren Schattenseiten umgehen können, ohne uns selbst zu zerfleischen.
Die Spirale aus Verführung und Selbstverurteilung
Wir alle kennen diesen Moment der Verführung. Es ist oft eine Sache, die uns immer wieder „rumkriegt“. Wir haben keinen wirklichen Ansatzpunkt gefunden, wie wir damit umgehen sollen, und so beginnt ein innerer Krieg. Sobald wir erkennen, dass uns eine bestimmte Gewohnheit schadet, sei es gesundheitlich, mental oder zeitlich, fangen wir an zu kämpfen. Wir entwickeln Strategien, stellen strikte Regeln auf und sagen uns Sätze wie: „Nur noch zehn Minuten“ oder „Ab morgen nur noch jeden zweiten Tag“.
Doch warum tun wir das? Oft entspringt dieser Kampf einem tiefen schlechten Gewissen oder dem Druck von außen. Wir spüren, dass uns etwas nicht guttut, vielleicht raubt es uns den Schlaf, vielleicht macht es uns träge. Wir werden zu unseren eigenen strengsten Richtern. Wir schimpfen mit uns selbst, werden hart und rigide. Doch die Erfahrung zeigt: Diese Härte führt selten zu einer echten, dauerhaften Veränderung. Sie macht uns nur müde und verbittert.
Warum „Nie wieder“ der sicherste Weg zum Rückfall ist
Ein interessantes Phänomen ist der Impuls des „Nie wieder“. Nach einem Rückfall schwören wir uns hoch und heilig, dass nun endgültig Schluss ist. Doch genau hier liegt der Fehler. Wenn wir in diese extreme Polarität gehen, identifizieren wir uns vollkommen mit unserer strengen, kontrollierenden Seite, dem sogenannten „Über-Ich“. Wir unterdrücken die andere Seite in uns: die Seite, die nach Lust, Leichtigkeit und Hingabe sucht.
Das Problem dabei ist, dass die unterdrückte Seite nicht verschwindet. Sie wartet nur auf einen schwachen Moment. Sobald unsere Willenskraft nachlässt, etwa bei Stress oder Müdigkeit, meldet sich der unterdrückte Impuls mit doppelter Kraft zurück. Das Kämpfen hilft also nicht weiter; es verewigt das Problem sogar, weil es uns in einem ständigen inneren Dualismus gefangen hält. Wer kämpft, braucht einen Gegner, und in diesem Fall sind wir unser eigener Feind.
Historische Beispiele: Der Kampf in der Spiritualität
Dieser Kampf ist kein modernes Phänomen. Schon die Wüstenväter der frühen Christenheit suchten nach Wegen, ihre Begierden zu besiegen. Ein bekanntes Beispiel ist der Heilige Antonius, der sich angeblich in Brennnesseln warf, um seine sexuellen Fantasien durch körperlichen Schmerz zu verdrängen. Er wollte einen anderen Impuls setzen, um die Versuchung zu überlagern. Doch auch das war letztlich nur ein verzweifelter Kampf. Es zeigt uns, dass der Versuch, menschliche Bedürfnisse und Schwächen durch Gewalt gegen sich selbst auszumerzen, eine lange, aber oft qualvolle Tradition hat.
Vom Kämpfen zum Üben: Ein neuer Weg
Wenn Kämpfen nicht hilft, was ist dann die Alternative? Die Antwort liegt im Üben. Im Gegensatz zum Kampf ist das Üben nicht hart, polarisierend oder dualistisch. Üben bedeutet, einen Weg zu beschreiten. Es ist ein Prozess, bei dem wir anerkennen, dass wir Lernende sind. Zum Üben gehört es zwingend dazu, auch die lustvolle, schwache Seite in uns als Teil unserer Realität zu akzeptieren.
Anstatt uns für jeden Fehltritt zu verurteilen, können wir sagen: „Das ist mein Übungsfeld.“ Jeder Mensch hat ein solches Feld, auf dem er immer wieder geprüft wird. Wenn wir diese Schwächen als Aufgabe annehmen, verlieren sie ihren bedrohlichen Charakter. Wir müssen nicht perfekt sein; wir müssen nur bereit sein, immer wieder neu anzusetzen.
Das Konzept der „Dehnungsfugen“ im Leben
Ein wunderbares Bild für diesen Umgang sind die sogenannten Dehnungsfugen. Im Bauwesen sind dies Zwischenräume, die Spannungen ausgleichen, damit ein Gebäude nicht reißt. Auch unser Leben braucht solche Dehnungsfugen. Das sind Bereiche, in denen wir nicht strikt und diszipliniert sein müssen, sondern uns einfach „hineindehnen“ können. Ein Ort für kleine Sünden, die uns Entspannung schenken.
Ein Glas Wein, eine Praline oder ein unnötiger Film sind an sich nicht das Problem. Die Menge und der Rahmen machen den Unterschied. Wenn wir uns diese Dinge bewusst gönnen, anstatt sie heimlich und mit schlechtem Gewissen zu konsumieren, geben wir ihnen eine Form. Kultivierung bedeutet, diesen Bedürfnissen einen Rahmen zu geben, anstatt sie uferlos werden zu lassen oder sie komplett zu verbieten.
Die Bedeutung des Fokus
Damit das Üben gelingt und wir uns nicht in der Beliebigkeit verlieren, brauchen wir eine Ausrichtung, einen Fokus. Ohne einen Fokus sind wir wie ein Schiff ohne Ruder auf hoher See; wir werden von jeder Welle der Lust oder der Laune hin- und hergeworfen. Ein Fokus ist kein starres Ziel, das man erreichen muss, sondern ein Zentrum, auf das man sich immer wieder ausrichtet.
Was kann ein Fokus sein?
- Spiritualität: Die Hinwendung zu einer höheren Kraft oder Gott.
- Beziehungen: Das Wohl der Mitmenschen oder sogar der Haustiere als Kompass für das eigene Handeln.
- Werte: Die Frage, wer man in dieser Welt sein möchte und was einem wirklich wichtig ist.
Wenn du weißt, worum es dir in deinem Leben eigentlich geht, fällt es dir leichter, deinen Schwächen den richtigen Platz zuzuweisen. Du bleibst deinem Fokus treu, nicht aus Zwang, sondern aus einer inneren Orientierung heraus. Selbst wenn du mal vom Kurs abkommst, weißt du, wohin du zurückkehren kannst.
Zusammenfassung
Wie lässt sich dieser spirituelle und psychologische Ansatz nun konkret umsetzen? Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst:
- Akzeptanz statt Widerstand: Erkenne an, dass deine Schwächen zu dir gehören. Sie zu hassen, stärkt sie nur.
- Hör auf zu kämpfen: Ersetze den Begriff „Kampf“ durch „Übung“. Ein Übender darf Fehler machen.
- Schaffe Dehnungsfugen: Erlaube dir bewusst kleine Auszeiten und Genüsse. Gib ihnen einen festen Rahmen, damit sie dich nicht beherrschen.
- Finde deinen Fokus: Frage dich regelmäßig: „Worum geht es mir heute wirklich?“ Richte dein Handeln an diesem Zentrum aus.
- Sei gütig mit dir selbst: Selbst der Dalai Lama hat vermutlich Dinge, in denen er sich verliert. Menschlichkeit bedeutet Unvollkommenheit.
Fazit: Dein Weg ist eine Übung
Wir müssen nicht die Heiligen Antoniusse unserer Zeit werden und uns in die symbolischen Brennnesseln werfen. Das Leben ist kein Kriegsschauplatz gegen das eigene Ich. Es ist vielmehr eine Einladung, sich selbst mit all den kleinen Leidenschaften und Fehlern anzunehmen und gleichzeitig eine klare Ausrichtung zu finden.
Gönn dir die Schokolade oder den Film, solange es dir und anderen nicht schadet. Aber verliere dabei nie aus den Augen, was dein eigentliches Zentrum ist. Solange du einen Fokus hast, auf den du dich immer wieder ausrichtest, bist du auf einem guten Weg. Das ist das Geheimnis eines gelassenen Umgangs mit den eigenen Schwächen: Bleib deinem Fokus treu, aber bleib dabei menschlich.
Was ist dein persönliches Übungsfeld? Hast du für dich bereits einen Fokus gefunden, der dich durch stürmische Zeiten leitet? Teile deine Gedanken gerne in den Kommentaren!

