In der spirituellen Szene wird ein Thema immer und überall gerne besprochen: das Ego. Sicher hast du auch schon gehört, dass du dein Ego loswerden, es überwinden oder sogar brechen musst. Es geht gefühlt immer darum: Weg damit! Das Ego sei schlimm, es behindere uns auf unserem Weg und wir bräuchten es eigentlich überhaupt nicht.
An dieser Sichtweise ist natürlich nicht alles falsch, vieles stimmt sogar. Aber das Ego ist in Wahrheit viel mehr als das, was wir normalerweise darunter verstehen und was üblicherweise darüber erzählt wird.
Der Urzustand: Das Feld ohne Grenzen
Um das Ego wirklich zu verstehen, hilft ein Blick auf das, was ich gerne als das göttliche Feld bezeichne. Wir alle befinden uns in diesem Feld. Der heilsame und gute Zustand für uns Menschen ist es, wenn wir uns als vollkommenen Teil dieses göttlichen Feldes begreifen.
Wir bewegen uns darin und es gibt keine Abgrenzung. Du bist in diesem Zustand eine wunderbare, herrliche Variation des Feldes. Du bist selbst Feld und gleichzeitig Feld im Feld. Hier gibt es kein „Das bin ich und das bist du“, sondern eine völlige Kohärenz, eine absolute Übereinstimmung. Das ist unser Urzustand – und es ist auch der Zustand, zu dem wir wieder zurückkehren.
Der Weg in die Welt: Wie Trennung entsteht
In dem Augenblick, in dem wir in diese Welt eintauchen, beginnt ein anderes Denken. Es beginnt eine neue Form der Selbstwahrnehmung und der Selbstdarstellung. Wir fangen an, uns als etwas Unterscheidbares wahrzunehmen:
„Ich bin anders.“
„Ich bin ich.“
„Ich kann das, ich will das und ich werde das auch tun.“
Wir beginnen, uns von den anderen zu unterscheiden. Bei manchen Menschen äußert sich das in dem Gefühl: „Ich bin großartig, ich bin toll, mir gehört die Welt und ich kann alles machen, was mir in den Sinn kommt.“ Natürlich gibt es gesetzliche und rechtliche Grenzen, aber das Grundgefühl ist: Ich kann alles erledigen.
Interessanterweise gehört aber auch das genaue Gegenteil dazu. Es gibt Menschen, die sich selbst ganz schlecht machen. Das ist keine klassische narzisstische Prägung, aber es ist das exakte Negativbild davon mit einer ganz ähnlichen Wirkung. Man denkt: „Ich bin furchtbar, ich schäme mich für mich, ich bin nicht gut genug, ich bin schlecht.“ Auch das ist eine Variation desselben Prinzips.
So beginnt es in unserem Leben. Wir nehmen uns als Individuum wahr – als einzelne Person unter vielen anderen Einzelnen.
Warum das Ego anfangs wichtig ist
Diese Entwicklung ist erst einmal völlig normal. Wir kommen in diese Welt und müssen uns selbst als ein Ich wahrnehmen, das sich von anderen unterscheidet. Nur so können wir später gereift und erwachsen in die Einheit zurückkehren.
Würdest du als Kind in dieser ursprünglichen Ureinheit, in dieser „Ursuppe“ bleiben, würdest du nie zu einem reifen Mann oder einer reifen Frau heranwachsen. Du würdest kindlich und naiv bleiben, was dir nicht gutun würde. Deshalb ist dieser Weg wichtig. Junge Menschen sollen in die Welt gehen und das Gefühl haben: „Mir gehört die Welt.“ Sie ziehen aus dem Elternhaus aus, beziehen die erste eigene Wohnung, finden eigene Freunde und leben ihr eigenes Leben, ohne die Eltern um Erlaubnis zu fragen. Dieses Ausgehen, vielleicht auch im Rausch, kann ein wichtiger Weg sein, um irgendwann zu erkennen: Das ist zwar ganz gut und schön, aber das ist es noch nicht.
Hier bauen sich Egostrukturen auf, die anfangs dazugehören. Und mit genau diesen Strukturen haben wir dann fast den Rest unseres Lebens zu tun.
Das Ego sitzt auch im Körper
Wir fassen das Ego sehr oft moralisch auf – als eine Art innere Verderbtheit, die man sich angewöhnt hat und wieder loswerden muss. Aber das Ego ist kein rein moralisches Problem. Es ist eine Grundtendenz, die in dieser Welt und besonders in uns Menschen angelegt ist.
Deshalb ist das Ego auch etwas Körperliches. Im Grunde genommen ist jede Verspannung eine Form von körperlicher Egostruktur oder Egoenergie. Warum? Weil jede Verkrampfung etwas Egohaftes an sich hat.
Das Gleiche gilt für deine Gedanken. Auch sie können sich verkrampfen. Ein verkrampftes Denken entsteht, wenn du die Dinge zu kompliziert siehst, wenn du sie isoliert und abgekapselt betrachtest, sie hochhältst und sagst: „So ist es und genau so muss es sein.“ All das ist Ego, und das drückt sich eben auch in deinem Körper aus. Deine Verspannungen sind der sichtbare Ausdruck dieses egohaften Seins. Wir sind also nicht nur in unserem Denken mit dem Ego verhaftet, sondern oft auch mit unserem Körper. Und wer von uns ist nicht mal verspannt?
Die Falle: Der Kampf gegen das Ego
Jetzt kommt ein ganz wesentlicher Punkt, der oft übersehen wird: Wir verteufeln das Ego, wir schimpfen darauf. Aber genau dieses Schimpfen kann selbst wieder aus dem Ego kommen.
Überall dort, wo jemand übermäßig gegen das Ego wettert, klagt und predigt, dass man es unbedingt loswerden muss, spürst du im Grunde: Das kommt aus dem Ego. Der Kampf gegen das Ego ist sehr oft selbst aus dem Ego geboren. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Das ist extrem tricky.
Der Kampf gegen das Ego erschafft oft nur ein verstärktes, spirituelles Ego. Und das gibt es heute wie Sand am Meer. Bei vielen spirituellen Inhalten spürt man sofort: Diese Spiritualität ist eine reine Egospiritualität. Da steht nicht das Göttliche im Mittelpunkt, sondern der Einzelne mit seinen Gedanken, seiner Großartigkeit und seiner Grandiosität.
Klarheit wie ein Diamant
Nicht im Ego verhaftet zu sein bedeutet, völlig klar zu sein. Stell dir das wie einen Bergkristall vor, oder noch besser: wie einen geschliffenen Diamanten. Das Licht scheint hindurch, ohne aufgehalten zu werden. Es gibt nichts, was das Licht reflektiert oder blockiert; es geht einfach glatt hindurch.
Das ist ein Leben ohne Ego. So zu leben, ist auch meine persönliche Vorstellung. Ich möchte klar werden wie ein Diamant, damit das göttliche Licht durch mich hindurchscheinen kann, ohne sich an irgendetwas zu brechen, ohne geschwächt oder gehindert zu werden.
Das ist mein Bild für die Zukunft – für uns alle, wenn wir ganz nach Hause kommen und in das göttliche Reich einkehren: dass wir kristallklar und rein werden. Ohne Abgrenzung, ohne die Angst, sich abgrenzen zu müssen, sondern ganz in der Freude und dem Genuss dieser Klarheit und Reinheit.
Vielleicht ist es auch viel besser, mehr über diese Klarheit zu sprechen als ständig über das Ego. Denn Klarheit impliziert, dass wir auf dem Weg zu immer mehr Offenheit sind. Das bedeutet übrigens nicht, dass du nicht mehr denken darfst. Natürlich kannst du wunderbare Dinge denken! Aber du machst sie nicht mehr zum Nonplusultra oder zu etwas, das jetzt alle so denken müssen. Es denkt in dir, es darf denken, aber es darf auch wieder gehen. Genau wie du fühlen und spüren darfst, was immer da ist.
Das Problem entsteht erst, wenn wir die Dinge festhalten. An allem, was festgehalten wird, bricht sich das göttliche Licht. Das ist keine Verurteilung und kein Grund zu sagen: „Oh je, du Ärmster, wie schlimm.“ Es ist eine schlichte Beobachtung. Wir sind alle auf diesem Weg. Niemand von uns ist im Alltag so vollkommen klar, dass das Licht ungebrochen hindurchfließt. Es wird überall ein wenig gebrochen, und das göttliche Licht hält das auch aus – es wird dadurch nicht gemindert. Aber wenn wir uns immer wieder auf den Weg der Klarheit und Reinheit begeben, lernen wir das Loslassen. Das ist genau das, was Meister Eckhart mit der „Gelassenheit“ meinte.
Eine kleine Übung für den Alltag
Es gibt eine einfache Übung, die sich besonders an sonnigen Tagen anbietet: Stell dich ganz bewusst in die Sonne. Die Sonne war schon immer das Symbol für das göttliche Licht. Lass dieses Sonnenlicht durch all deine Gedanken, deine Gefühle, deine Verquerungen und deine Anhaftungen fließen.
Dabei muss erst einmal gar nichts passieren. Du musst nicht sofort alles krampfhaft loslassen – denn auch der Druck, jetzt unbedingt loslassen zu müssen, kann wieder aus dem Ego kommen.
Sei stattdessen sanft und lass es einfach geschehen. Lass das Licht durch dich hindurchfließen und öffne dich ganz behutsam. Lass sanft los, freundlich und mit Liebe zu dir selbst. Das ist der Weg. Du musst nichts kaputt machen. Du musst das Ego nicht töten, nicht umbringen und nicht zerstören. Das sind alles nur Egobilder für den vermeintlichen Tod des Egos.
Der wahre Weg führt über die Klarheit, die Reinheit und die Liebe – aus nichts anderem heraus.

