Stufen auf dem spirituellen Weg Teil 1

7. November 2026

Wenn vom spirituellen Weg die Rede ist, klingt das oft schwer. Man hört eine tiefe Stimme und spürt einen Ernst, der nach unten drückt. Darin steckt ein erster Irrtum: Der Weg muss nicht schwer sein. Er darf leicht sein und will es auch. Schon Jesus sagte, seine Last sei leicht. Nicht jeder Abschnitt ist automatisch leicht, aber der Weg darf sich durch Leichtigkeit auszeichnen. Es ist dein Weg, und du darfst ihn so gehen.


Der Ruf, der irgendwann kommt

Der spirituelle Weg beginnt mit einem Ruf. Nicht jede und jeder hört ihn, aber ich glaube, dass er für alle erklingt. Zunächst leben wir einfach vor uns hin. Es läuft insgesamt ganz gut, es gibt Probleme und Freuden, Auskommen und Einkommen. Vielleicht sind da Kinder und Familie, vielleicht hast du die Arbeitsphase schon hinter dir.

All das ist wichtig und gut. Und doch kann es eine Zeit sein, in der wir im Grunde schlafen, einen tiefen Schlaf, nicht erwacht zu uns selbst.


Verfangen in der Welt, verfangen im Unbewussten

Wir gehen in den Dingen dieser Welt auf: Wir beschäftigen uns, treffen Freunde, schauen abends Fernsehen, lesen Bücher und Zeitschriften. Nichts davon ist falsch. Aber wenn es alles ist, kann es ein Zeichen dafür sein, dass wir noch nicht zu unserem eigenen Leben erwacht sind.

Dann leben wir vor allem reaktiv. Wir tun, was zu tun ist, reflektieren wenig und spüren kaum, was in uns vorgeht. Wir sind verstrickt in unbewusste Gefühle und Wünsche, die aufsteigen und drängen. Irgendwann kommen daraus Krisen, Streit und Ärger, gerade in Beziehungen, und wir fragen uns: „Was ist denn jetzt schon wieder los?“

Auch die Heilige Schrift spricht vom Schlaf, wenn sie vom Gefangensein im Unbewussten spricht.

Der spirituelle Weg ist ein Weg aus dem Unbewussten ins Bewusstsein. Je mehr Unbewusstes du ins Bewusstsein hebst, desto tiefer werden dein Empfinden und dein spirituelles Erleben.


Das Mangelgefühl: Das Frühstücksbüfett

Ein Ausdruck dieses Verfangenseins ist das Gefühl: „Es ist nicht genug.“ Man sieht es sehr schön am Frühstücksbüfett im Hotel. Alles steht bereit, und doch türmen sich Berge auf den Tellern, obwohl ein Brötchen und eine Schale Müsli völlig satt machen würden. Am Ende bleibt viel Abfall zurück, und viele gehen übersättigt davon.

Der Hintergrund ist ein tiefes Mangelgefühl: Ich muss alles nehmen, sofort, auch wenn es mir gar nicht guttut. Dieses Gefühl kann mich nie sättigen. Das Büfett zeigt im Kleinen, wie wir im Unbewussten leben: Wir absolvieren das Leben, ohne zu spüren, dass wir lebendig sind.

Dabei ist es auch eine Form von Reife, das Gute zu tun, was zu tun ist. Wenn es aber alles ist, bleibt es zu wenig. Wir können nicht alles bewusst tun, das würde überfordern. Doch die wesentlichen Dinge dürfen wir mit großer Bewusstheit tun. Viele Menschen bleiben in diesem Zustand bis ans Lebensende. Das heißt nicht, dass sie unzufrieden wären. Es heißt aber, dass ihnen ein bestimmtes Erleben verschlossen bleibt.


Die Erschütterung

Dann geschieht es: ein Bruch, eine tiefe Erschütterung. Nicht immer, und nicht immer hat sie Folgen, aber in der Regel trifft sie jeden Menschen. Selbst die größte Liebe endet damit, dass einer am Grab des anderen steht.

Erschütterungen haben viele Gesichter: eine Krankheit, eine Trennung, der Verlust des Jobs. Auch der Eintritt in die Rente kann erschüttern, selbst wenn er absehbar war: Plötzlich gibt es nichts mehr zu tun, und man sitzt zu Hause. Oder ein Unfall, bei dem du schuldig geworden bist. Manchmal reicht ein Brief, eine Mail oder ein Wort, und alles ist anders. Manchmal kommt es auch schleichend.

Eine Erschütterung ist eine Überforderung. Sie rüttelt an den Grundfesten, und deine gewohnten Abläufe tragen nicht mehr. Du fällst aus allen Wolken: Gestern war noch alles gut, heute liegt alles in Scherben.


Die Erschütterung als innerer Ruf

Du kannst die Erschütterung als inneren Ruf verstehen: Wach auf. Manche müssen bis in ein Burnout gehen, um diesen Ruf zu hören, obwohl er schon vorher da war. Das heißt nicht, dass jemand selbst schuld an seiner Krankheit wäre. So einfach ist es nicht, und das sollten wir auch niemandem sagen. Und doch kann eine Krankheit diesen Ruf in sich tragen.

Ich wünsche dir, dass du ihn dann als Ruf verstehst. Natürlich musst du etwas gegen die Krankheit tun. Aber vielleicht geht es auch darum, das leise Rufen darin zu hören. Es geht nicht nur um die Rente oder um den Menschen, der fehlt, so schwer das schon ist. Es geht auch darum, das eigene Leben neu zu gestalten, und damit um eine neue Identität.


Verwirrung und Einladung

Die Erschütterung stellt deine bisherige Identität infrage. Wer bin ich? Wie soll meine Zukunft aussehen? Was geschieht gerade mit mir? Es kann sein, dass du auf all das keine Antwort hast. Diese tiefe Verwirrung ist ein Leiden, und das darf auch so benannt werden.

Gleichzeitig ist sie eine Einladung, neu zu denken und dich gewissermaßen neu zu erfinden. Du musst es nicht so sehen, aber du darfst es. Ist mein Leben noch das: morgens zur Arbeit, nachmittags zurück, Haushalt, Kinder, Fernsehabend, schlafen gehen? Oder ist da noch etwas anderes?


Ein persönlicher Gedanke

Ich erinnere mich an meine Erschütterungen noch sehr gut. Es waren immer schwere Zeiten. Ich hatte vielleicht Glück, oder ich war besonders gesegnet. Jedenfalls habe ich die meisten dieser Erschütterungen als Ruf verstanden, und sie haben dazu geführt, dass ich mein Leben verändert habe.

Ein Rat aus dieser Erfahrung: In der Phase der Erschütterung triffst du am besten keine großen Entscheidungen. Keine Kündigung, keine Scheidung, keinen Abbruch. Du weißt in dieser Zeit nicht, ob eine Entscheidung trägt, wenn du erst einmal hindurchgegangen bist.


Wie es weitergeht

Heute ging es um die ersten beiden Etappen des Weges: das Verfangensein in der Welt und im Unbewussten und die tiefe Erschütterung, die uns trifft. Im nächsten Beitrag spreche ich über die beiden weiteren Etappen, die uns schließlich zurück in den Alltag führen, dorthin, wo wir hergekommen sind.


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