Kann man an dieser Welt nicht einfach nur verzweifeln?
Wir stehen am Beginn eines neuen Jahres, aber wenn wir zurückblicken auf das, was alles war, und wenn du in dein eigenes Leben schaust, in all das, was du erlebt hast – ist es dann nicht so, dass vieles eigentlich ganz furchtbar ist? Ja, es gibt auch das Schöne, keine Frage. Aber alles, was uns jeden Tag erreicht, all das, was wir sehen: Ist es nicht auch immer ganz furchtbar?
Man kann an der Wirklichkeit dieser Welt wirklich verzweifeln. Man kann an ihr leiden. Und dieses Leiden ist ganz real. Viele Menschen tun es. Überlege mal, wie viele der psychischen Krankheiten und Süchte letztlich ein Leiden am eigenen Leben sind. Du spürst vielleicht, dass dein Leben so nicht richtig ist, dass es dir überhaupt nicht entspricht. Du lebst etwas, das du gar nicht möchtest, oder in einer Art und Weise, wie du es nicht möchtest. Das ist ein Leiden an dieser Welt. Es könnte alles anders sein, es könnte schöner sein – das wünschen wir uns. Aber es ist nicht so.
Wenn du den Riss tiefer spürst als andere
Vielleicht bist du jemand, der das noch tiefer wahrnimmt. Gerade spirituelle Menschen und hochsensible Menschen spüren das ganz besonders intensiv. Es sind nicht nur die großen Themen der Nachrichten, die dich erreichen. Es sind die vielen kleinen Dinge. Schon allein im Spüren, wenn du durch die Welt gehst, nimmst du vielleicht wahr: Diese Welt ist so nicht in Ordnung.
Ich möchte dir sagen: Dieses Leiden an der Wirklichkeit muss man ernst nehmen. Du spürst das zurecht. Die Welt ist nicht in Ordnung. Und das gehört ein Stück weit zum Wesen dieser Welt dazu. Wir sind hier eben nicht im Himmelreich. Wir sind hier nicht in der fertigen Erlösung. Das spüren wir.
Wenn du das so wahrnimmst, ist das ein Zeichen dafür, dass du vielleicht nicht ganz in der Mitte dieser Gesellschaft stehst. Du kannst nicht in der Mitte der Gesellschaft sein, wenn du diesen Riss ständig wahrnimmst. Es braucht diese Menschen, die ein wenig am Rande stehen. Nicht, um ausgegrenzt zu sein, sondern um nicht im pulsierenden Zentrum festzustecken, wo man vor lauter Verantwortung für dies und jenes den Blick verliert.
Der Platz am Rande als Beobachterstation
Am Rande zu stehen bedeutet, einen Freiraum zu haben. Du bist nicht raus aus der Welt, aber du bist auch nicht mittendrin gefangen. Dadurch hast du die Warte, Dinge zu überschauen und sie zu hinterfragen. Spirituelle Menschen, Hochsensible, Künstlerinnen und Künstler sind solche Menschen. Sie stehen ein wenig am Rand – und sie müssen dort auch stehen. Du bist nicht Teil dieser Mitte. Deshalb spürst du es so deutlich.
Doch es gibt eine wichtige Lektion, die ich selbst lernen musste: Nicht alles, was du spürst, ist ein Auftrag für dich.
Ich bin ein Mensch mit sehr vielen Ideen. Manchmal überfordert mich das selbst. Ich sehe so vieles, was man machen könnte, dies und jenes. Das ist gefährlich, denn man verzettelt sich oder überfordert andere. Ich musste erst verstehen: Nicht jede Idee ist ein Auftrag, sie zu verwirklichen. Und genauso ist nicht alles, was du an Leid oder Fehlern in der Welt wahrnimmst, sofort ein Auftrag für dich, etwas zu tun, zu verändern oder es auch nur auszusprechen.
Dein eigentlicher Auftrag ist es erst einmal, es wahrzunehmen. Wer die Realität aus der Spiritualität aussperrt, lebt in einem Wolkenkuckucksheim. Spiritualität braucht die Ehrlichkeit gegenüber der Wahrheit – auch gegenüber der schmerzhaften Wahrheit deiner eigenen Realität.
Das Leben in den Polaritäten
Was heißt es nun konkret, an dieser Welt zu leiden? Es heißt sehr oft, in Polaritäten zu leben. Du spürst, dass es immer beides gibt: Krieg und Frieden, Angreifer und Verteidiger, Gut und Böse. Die Dinge fallen auseinander. Wie Tag und Nacht, wie Trennung und Beziehung, wie Liebe und Hass.
Vielleicht hast du auch den Eindruck, dass gerade in dieser Zeit alles "zerbröselt". Nichts scheint das Ganze mehr aufzugreifen. Das ist das Leben in diesem Riss, der durch alles geht. Das spürst du, und das ist real. Aber wie lebt man damit? Wie lebt man mit der Wahrnehmung, dass alles irgendwie dem Untergang geweiht scheint?
Die Lösung: Die Orientierung auf das Absolute
Es gibt wunderbare Dinge auf dieser Welt, natürlich. Aber die Lösung für das Leid liegt nicht allein darin, das Schöne zu suchen. Die Lösung liegt in deiner Orientierung auf das Absolute.
Der Psychologe C.G. Jung sagte einmal, die entscheidende Frage sei, ob wir auf das Absolute ausgerichtet sind oder nicht. Das Absolute ist der Raum jenseits der Polaritäten, jenseits von Verletzungen und Kränkungen. Es ist kein Fluchtraum, auch wenn man ihn dazu missbrauchen kann. Es ist ein Raum, der uns geschenkt wird, weil er eben absolut ist und keine Gegensätze kennt.
Das klingt jetzt vielleicht sehr kognitiv oder akademisch. Lass es mich anders sagen: Das Absolute ist der Raum der absoluten Liebe.
Liebe ist die einzige Kraft, die all das Furchtbare und all das Schöne gleichzeitig sehen und halten kann. Es ist nicht deine kleine, persönliche Liebe, sondern die große, göttliche Liebe. Wenn du dein Bewusstsein so weit fasst, dass du aus diesem Raum auf die Welt blickst, musst du nicht mehr verzweifeln.
Dein Homeland, deine Homebase
Wir können die Welt persönlich nicht retten. Du nicht und ich nicht. Wir können sie nur in Liebe annehmen und immer wieder in diese Liebe zurückfinden.
Natürlich brauchen wir auch unser Alltagsbewusstsein für unsere Abläufe und den Kontakt mit anderen. Es geht nicht darum, dass das Alltagsleben falsch wäre. Aber du solltest in der Liebe verankert sein. Das ist dein "Homeland", deine "Homebase". Der Auftrag deines spirituellen Weges ist es, immer wieder zu diesem Raum der Liebe zurückzufinden.
Warum? Weil Liebe Gegensätze vereint und heilt. Sie kann sogar im größten Schurken noch das verborgene Leid erkennen, das hinter seinen Taten steht. Das entschuldigt nichts, aber es verändert deinen Blick.
Dein Beitrag für diese Welt ist es, dieses Bewusstsein der Liebe immer wieder aufzubauen. Hör an keinem Tag dieses Jahres damit auf. Geh immer wieder in die Weite. Immer und immer wieder.
Wenn du aus diesem Raum der Liebe auf die Welt blickst, musst du nicht mehr hektisch weiterlaufen. Du kannst stehen bleiben. Du kannst da sein. Du blickst auf das Leid, auf die Welt, sogar auf die Schurken – aber du bleibst in der Liebe. Das ist das Wesentliche.

