Warum leide ich?

8. November 2025

Das meiste Leiden ist das Leiden an sich selbst.
Nicht an den Dingen, die geschehen. Nicht an den Umständen, in denen du lebst. Nicht an dem, was jemand getan oder gesagt hat. Und auch nicht an der Welt, die manchmal so unbegreiflich, so hart, so ungerecht wirkt.

Natürlich – das alles kann Schmerz auslösen. Und ich möchte gleich vorweg sagen: Ich will kein Leid kleinreden.
Wenn jemand krank ist, körperlich oder seelisch leidet, dann ist dieses Leiden real. Punkt.
Da gilt es, Hilfe zu suchen, Wege zu finden, zu heilen – mit allem, was diese Welt an Möglichkeiten bietet.

Aber meine Aufgabe – und vielleicht auch deine, wenn du dich auf diesen Weg machst – ist es, hinter das Leid zu schauen.
Zu fragen: Was ist Leid eigentlich?
Und: Wie kann ich es tiefer verstehen, um weniger zu leiden?

Denn Leiden ist kein Ziel. Es gehört zum Leben, ja, aber niemand sollte es sich wünschen. Und doch leiden wir oft unnötig. Nicht, weil die Welt so schlimm ist, sondern weil unsere Haltung zu dieser Welt uns festhält.

Nicht die Situation selbst bringt uns ins Leid – sondern unsere Bewertung.
Unsere Sichtweise.
Unsere Geschichten über das, was geschieht.


Ein Perspektivwechsel kann alles verändern

Ich erinnere mich an eine Fortbildung vor vielen Jahren, als ich ein Bildungshaus leitete.
Es ging um Beschwerdemanagement. Nicht gerade ein Thema, das Freude auslöst.
Da sagte ein Teilnehmer einen Satz, der sich mir tief eingeprägt hat:

„Beschwerden sind kostenfreies Coaching.“

Zuerst musste ich schmunzeln. Wer freut sich schon über Beschwerden?
Aber dann wurde mir klar, was er meinte: Jede Beschwerde zeigt mir, wo im System etwas nicht stimmt. Sie ist ein Hinweis, ein Lernmoment – ein kostenloses Coaching eben.

Und plötzlich war da kein Ärger mehr. Keine Abwehr.
Nur noch Interesse.
Ich konnte sehen: Die Beschwerde bleibt dieselbe – aber meine Haltung verändert alles.

Genau das nennt man in der Psychologie Reframing: einer Situation einen neuen Rahmen geben.
Oder einfacher gesagt: die Geschichte anders erzählen.


Wenn du deine Geschichte anders erzählst

Das Leben besteht aus Geschichten, die wir uns selbst erzählen.
Und diese Geschichten sind stark. Sie prägen, wie wir die Welt sehen – und ob wir leiden oder nicht.

Vielleicht kennst du das:
„Immer passiert mir das.“
„Nie bekomme ich, was ich will.“
„Andere haben Glück, ich nicht.“

Das sind Ego-Geschichten. Und sie laufen in uns wie alte Tonbänder, wieder und wieder.

Aber du kannst sie verändern.
Fang klein an: erzähle dieselbe Geschichte mit anderen Worten. Lass neue Deutungen zu. Öffne kleine Spalten im festen Rahmen. Denn wenn du beginnst, deine Geschichte anders zu erzählen, verändert sich auch deine Erfahrung.

Deine Lebensgeschichte ist wie der Rahmen, in dem du neue Erfahrungen verstehst.
Wenn du diesen Rahmen verschiebst, verändert sich alles, was du siehst.


Auch Krankheit kann anders betrachtet werden

Es gibt Menschen, die sagen:
„Meine Krankheit war das Schwerste – und zugleich das Wertvollste in meinem Leben.“
Nicht, weil sie das Leid schönreden, sondern weil sie etwas darin erkannt haben.
Eine Tiefe, eine Klarheit, vielleicht sogar ein neues Leben.

Das kann man niemandem vorschreiben.
Niemand kann dir sagen: „Sieh es doch positiv, dann geht’s dir besser.“
So funktioniert das nicht. Aber du kannst dich dafür öffnen, dass auch in schwierigen Situationen ein anderer Blick möglich ist.

Das ist ein Weg. Kein Befehl.


Hinterfrage dein Weltbild

Unsere Sicht auf die Welt ist zutiefst mit unserer Identität verbunden.
Wir glauben, die Dinge sind eben so, „weil sie schon immer so waren“.
Aber stimmt das wirklich?

Wie oft lebst du mit Annahmen über andere Menschen – über ihre Absichten, ihre Gefühle, ihre Gedanken?
Und wie oft hast du sie tatsächlich gefragt?

Ehrlich gesagt: meistens wissen wir es gar nicht.
Wir interpretieren. Wir schließen. Wir erzählen uns wieder unsere alte Geschichte.

Genau das gilt es zu erschüttern.
Denn erst wenn dein Weltbild wackelt, kannst du frei werden.


Eine kleine Übung

Ich lade dich zu etwas Einfachem ein.
Denk an eine Situation der letzten Tage, in der du gelitten hast. Vielleicht warst du wütend, traurig oder enttäuscht.
Schreib dann drei Sichtweisen dazu auf:

  1. Deine eigene – so, wie du sie erlebt hast.

  2. Die eines weisen Menschen, der mit Abstand auf dich schaut.

  3. Die einer guten Freundin oder eines Freundes, die es wirklich gut mit dir meinen.

Allein diese kleine Übung kann helfen, etwas mehr Raum zu schaffen – in deinem Inneren, in deiner Sichtweise, in deinem Leben.
Und vielleicht wird das Leid ein kleines Stück leichter.

Das wäre doch was, oder?


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