Wenn Spiritualität Stress und Druck macht

25. November 2023

Wenn du an Spiritualität denkst, dann denkst du vielleicht an Ruhe und Stille, an Nachmittage, wo du ganz bei dir bist und in aller Entspannung ein gutes Buch liest. Vielleicht erinnerst du dich an dein letztes Seminar, vielleicht ging es um Meditation oder etwas anderes. Es war ruhig, still, entspannt, irgendwie leicht, und du bist erholt und inspiriert nach Hause gefahren.

Doch ich vermute, dass wir alle auch eine ganz andere Seite von Spiritualität kennen. Denn Spiritualität kann uns gehörigen Stress bereiten und massiven Druck auf uns ausüben. Und dieser Stress und Druck sind oft so subtil, dass wir ihn erst viel später erkennen. Und oft sind wir dann schon in die Falle geraten.

Es gibt nämlich bestimmte ganz typische Glaubenssätze, die unsere Spiritualität prägen und die Druck ausüben. Zum Beispiel haben viele den Glaubenssatz, dass Aggression nicht spirituell ist. Wer spirituell ist, der ist immer mit sich im Frieden, ist ausgeglichen und sanft. Wer das alles nicht ist, der muss an seiner Spiritualität arbeiten und hat noch einen weiten Weg vor sich.

Und schon beginnen wir, unsere Aggression abzuspalten und zu verstecken – wir wollen ja alle spirituell sein. Wir sollen auch alle immer gut sein, liebevoll und spüren erst viel später, was für einen Druck das macht. Natürlich ist es gut, gut zu sich und zu anderen zu sein, und natürlich ist es nicht gut, andere verbal fertig zu machen, anzuschreien oder anzugreifen. Keine Frage. Aber indem wir es als etwas betrachten, was der Spiritualität zuwiderläuft, grenzen wir es ab und versuchen es zu verbergen. Dann entsteht jene gespielte Freundlichkeit und Sanftheit, die niemand ernst nehmen kann und in deren Gegenwart man sich unwohl bis aggressiv fühlt.

Ich erkenne genau 5 weitere Glaubenssätze oder Botschaften, die wir teilweise alle in uns tragen und die wir dringend erlösen müssen.


Botschaft 1: Nur so ist es richtig.

Das ist eine ganz typische Vorstellung. Man hat sich für einen Weg entschieden, und nun weiß man, dass es nur noch diesen einen Weg gibt. Die anderen, ach, die müssen noch suchen, sind Verirrte, gehen einen falschen Weg. Du musst so und nicht anders bei der Meditation sitzen, so musst du knien, so musst du beten, so musst du still sein, diese Bücher musst du lesen, du musst einen Meister oder eine Meisterin haben. Und wenn du das nicht hast, dann bist du verloren, gehst den falschen Weg. Und der Weg ist deshalb richtig, weil er schon immer so weitergegeben wurde. Deshalb musst du ihn auch gehen.
Wir befinden uns in unserer Gesellschaft derzeit an einem Scheideweg, und es wird dazu kommen, dass wir nicht mehr nur etwas machen, weil es die Menschen vor uns auch schon so getan haben. Hüte dich vor dem "nur so ist es richtig", suche vielmehr deine Form, verändere, variiere, probiere aus. Ja, es ist gut, wenn man jemandem Fragen stellen kann, wenn man gezeigt bekommt, wie man meditiert. Ganz ohne Frage, ist so etwas sehr hilfreich und wichtig. Aber das ändert nichts daran, dass du immer deinen Weg finden musst.


Botschaft 2: Du tust zu wenig.

Auch ein sehr fataler Satz, der in vielen von uns ganz tief steckt. Denn es ist nie genug. Man müsste mehr lesen, mehr beten, mehr meditieren, mehr still sein. Und man müsste noch netter sein, mehr spenden, noch mehr Menschen helfen und unterstützen. Nie kommt man an den Punkt, wo man wirklich sagen kann, jetzt hast du für heute genug getan. Nein, es gibt immer noch Minuten, die ich nicht mit Hilfe und Gebet ausgefüllt habe. Also mache dich ans Werk, kein Abend ohne Abendgebet, keinen Morgen ohne Stille, vor jeder Mahlzeit ein Gebet und später noch das spirituelle Buch. Und bei jeder Gelegenheit helfen, helfen, helfen. Und wenn du dann abgehetzt bist und nicht mehr kannst: Los auf, weiter geht es, es gibt immer noch etwas zu tun. Kannst du mit deiner spirituellen Praxis zufrieden sein, kannst du sagen, mehr braucht es heute nicht? Das ist wichtig, ansonsten kommen wir in ein Hamsterrad. Wir machen immer mehr und erkennen immer mehr, dass es noch nicht genug ist. Am Ende fühlen wir uns schlecht und ausgelaugt. Lass es genug sein - wirkliche Spiritualität kennt auch homöopathische Dosen.


Botschaft 3: Gott ist streng.

Wir haben zwar offiziell alle ein Gottesbild vom guten und liebenden Gott - offiziell. Doch wenn du tiefer schaust, dann erkennst du vielleicht auch, wie viele andere, dass dieser ach so liebende Gott auch sehr strenge Seiten hat. Und wer weiß, was nach dem Ende des Lebens kommt. Wenn das Gericht beginnt und ich dann nicht genug vorzuweisen habe. Gott wird richten, Gott mag nicht, was ich tue, Gott will, dass ich gut bin, nett, lieb, dass ich bete, dass ich meditiere und so weiter. Und wenn ich es nicht mache? Nun, vielleicht wird dein Gott nicht aggressiv, vielleicht wird er traurig, stumm, vorwurfsvoll oder was auch immer dir als Abwertung einfällt. Und schon kommst du ins Agieren oder du ziehst dich zurück, ziehst dich vielleicht völlig von Gott zurück. Wer will auch schon einen ewig nörglerischen und eingeschnappten Gott an seiner Seite. Du darfst dich vielmehr entspannen. Es ist alles in Ordnung - Gott hat keine Ansprüche an dich, die zu einem Urteil führen. Gott will, dass du gut lebst und dass du gut mit anderen zusammen lebst. Du darfst genießen, und Gott genießt mit dir.


Botschaft 4: Du bist schlecht.

Ja, du bist schlecht, weil du es nicht schaffst und zu wenig machst. Du hast neulich wieder nicht geholfen, du warst vor ein paar Tagen wieder mal so unglaublich aggressiv. Und das zeigt doch ganz deutlich, dass du schlecht bist und das, was du machst, machst du auch noch schlecht. Es ist nicht gut genug, da ist noch Luft nach oben, das kann man auf alle Fälle sagen. Und du bist nie würdig, sondern vielleicht sogar unsauber, unrein, hast Schuld auf dich genommen, und die musst du erst mal abwaschen. Und dann können wir weiterreden. Frauen haben nach meiner Erfahrung besonders oft das Gefühl, nicht würdig zu sein. Wenn das so ist, dann hast du immer ein Minus auf deinem Konto und kommst nie aus deinen Schulden heraus. Das bringt dich ins Rudern und Ackern. Das alles bringt sehr viel Unruhe in dein eigenes inneres System. Dabei ist Gottes Botschaft doch eine ganz gegensätzliche: Du bist gut, du bist geliebt. Alle anderen Einflüsterungen kommen nicht von Gott.


Botschaft 5: Du musst viel leisten.

Das Leistungsprinzip hat schon lange Einzug in die Spiritualität gehalten. Wir müssen etwas tun, müssen anpacken, aufbrechen, wir müssen richtig fasten und nicht nur ein bisschen. Unser Bücherregal mit spirituellen Büchern muss lang sein und sich biegen. Und dann die Meditation, hier kommt das Leistungsprinzip so richtig zur Blüte. Denn dann muss man mindestens 25 Minuten meditieren, und wenn du es richtig krachen lassen möchtest, dann machst du 40 oder gar 45 Minuten. Dann bist du der Held oder die Heldin. Und dann machst du noch bei einer Zen-Sesshin mit, also einem Intensivtraining in Zen-Meditation. Hier meditierst du dann an 8 Tagen stundenlang. Und dann hast du wirklich etwas geleistet, hast richtig was aufs Trapez gebracht.


Worum es wirklich geht

Nun, ich will ehrlich sein. All diese Botschaften haben natürlich einen kleinen Aspekt, der nicht zu missachten ist. Aber als ein solcher Glaubenssatz sind all diese Sätze toxisch. Deshalb möchte ich dir etwas mitgeben, einfach ein paar Hinweise, worum es wirklich geht.

Und das erste ist: Niemand hat das Recht über deine Spiritualität zu bestimmen. Es ist deine Form des spirituellen Lebens, um die es geht, und egal wo du bist und was dir wichtig ist. Du bestimmst deine Form. Hole dir Inspiration von außen. Aber die Entscheidung, was du übernimmst, triffst du in deinem Inneren. Das ist ein wichtiger Aspekt der Selbstverantwortung.

Spiritualität soll sich gut anfühlen. Und damit meine ich nicht so etwas wie Wellness. Du darfst spirituell sein und dann im Bauch spüren: Ja, das ist gut, das ist richtig, das fühlt sich richtig gut an. Und deshalb nimm auch deine Signale im Körper wahr, die sagen: Hier läuft etwas falsch, lass das, tu das nicht mehr, nicht mehr so viel zumindest. Dein Körper weiß, was gut ist. Gerade in unserem Bauch können wir intuitiv und schnell feststellen, was uns behagt und was nicht. Das heißt nicht, dass alles, was der Bauch sagt, ungefragt übernommen und entschieden wird. Aber es ist eine ungeheuer wichtige Quelle, um dann im Herzen eine Entscheidung zu fällen.

Daraus entsteht dann letztlich deine ganz eigene Spiritualität. Es gibt nicht "One Fits for All", es gibt nur verschiedene Themen, Übungen und Geschichten, und du schaust, was gut für dich ist. Ich nehme gerne das Bild des Einkaufens im Supermarkt. Ich gehe mit meinem Wagen durch die Regalreihen und nehme mit, was ich brauche. Angeboten wird mir viel mehr, und manchmal gönne ich mir etwas, was nicht auf meinem Zettel steht und eigentlich auch nicht notwendig ist. Dennoch nehme ich natürlich nicht alles mit, nur weil es mir angeboten und angepriesen wird. Und so mache es auch im Leben und erst recht, wenn es um Spiritualität geht. Nimm in dein Leben auf, was du brauchst, und das andere lass im Buch, im Seminar, in der Beratung oder wo auch immer zurück. Es wird sicherlich freundlich gemeint sein, aber du kannst es dennoch da lassen.

Natürlich gehört zum spirituellen Leben auch, sich herausfordern zu lassen. Und natürlich gibt es bei der Meditation Sitzweisen, die ungesund sind und den Prozess in der Stille nicht fördern. Aber immer darfst du fragen, wozu das gut ist, du darfst es verstehen wollen, und du darfst immer sagen, dass du es anders machst, weil du andere Erfahrungen gemacht hast. Lass den Stress und den Druck aus deiner spirituellen Praxis. Du darfst dich wirklich entspannen und zurücklegen, und dann wird Spiritualität wirklich zu einer großen Hilfe und Unterstützung in deinem Leben.

korrigiertes Transskript


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