Einladung zur spirituellen Faulheit

11. Juni 2022

Als ich vor vielen Jahren mein erstes kleines Buch über Meister Eckhart geschenkt bekommen habe und es las, habe ich ein Zitat entdeckt, das mich sofort berührt hat und seitdem auch nicht mehr los ließ. Es ist eines dieser Zitate, die man von Eckhart in irgendwelchen Zitatbüchern oder Zitatdateien im Internet seltener findet. Aber für mich war es etwas ganz Besonderes und begleitet mich bis heute. Um welches Zitat es sich handelt und welches die besondere Botschaft dieses Zitates ist, darum soll es hier gehen

Das Zitat lautet:

Und nimmer nimmt der einen Menschen liegend, den er auch stehend hätte finden können.

Ich weiß noch genau, als ich das Zitat zum ersten Mal las. Es kommt aus dem Buch “Reden der Unterweisung” von Meister Eckhart. Und ich musste an die Profess denken, die wir Mönche alle abgelegt haben. In diesem Ritual der Professfeier ist es so, dass wir zunächst stehen, die Hände weit ausbreiten und dabei einen Vers singen. Danach knien wir nieder und zum Schluss liegen wir auf dem Boden ausgestreckt. Und genau diese beiden Körperhaltungen, sind es, die Meister Eckhart hier auch erwähnt. Das Stehen und das Liegen.

Aber vermutlich geht es hier nicht um eine Profess, oder eine Weihe oder welche kirchliche Handlung auch immer. Für mich geht es hier um etwas ganz Fundamentales und Wichtiges. Und es führt zu einem Kerngedanken von Meister Eckhart selber.

Muss ich etwas für meine Erleuchtung tun?

Zunächst stellt sich die Frage aufgrund des Zitates, was muss ich tun, damit Gott sich mir zeigt, sich mir schenkt, damit ich erleuchtet werde? Und viele Menschen tun sehr viel, besuchen Seminare, meditieren stundenlang, versuchen sich moralisch besser zu verhalten, schlechte Gedanken zu beseitigen, spenden Gelder, beten, zünden Kerzen an und was nicht noch immer. All das tun Menschen, um endlich endlich da hinzukommen, dass man eigentlich nichts mehr tun muss, dass es vorbei ist, dass alles gut ist. Es ist die Sehnsucht vieler, die all diese spirituellen Übungen tun, in der Fülle zu leben, Gott so nah zu sein, dass man sich darum nicht mehr bemühen muss.

Doch Meister Eckhart sagt uns indirekt durch das Zitat. das alles ist nicht das, worum es geht.

Denn Du musst gar nichts tun, Du musst keine frommen Texte lesen, Du musst auch nicht wissen, was moralisch gut ist oder viel beten und meditieren. Denn das, was dieses Zitat für mich am stärksten ausdrückt ist, Gott wartet zu jeder Zeit, in jedem Augenblick darauf, dass es irgendwo eine Lücke gibt, die es ihm erlaubt, Dich ganz auszufüllen. Jeglicher kleiner Haarriss in Dir, der Dein Inneres Gemäuer öffnet, wenn auch nur für einen ganz kleinen Spalt, ist Gott genug, um einzuströmen, um in Dir zu wirken, um in Dir groß zu werden. Es sind nicht Dein Tun, Dein Beten oder Meditieren. Es sind nicht Deine Anstrengung und Dein Engagement! Es ist dieser Haarriss in diesem Panzer in Dir, der es Gott ermöglicht, in Dich einzuströmen.

Wo ist Gott?

Oder um es besser zu sagen, denn Gott ist ja schon in Dir. Gott nutzt die nächst beste Gelegenheit, damit Du ganz erfüllt bist, damit er ganz in Dir wirken kann. Nicht Du bist es, der Gott heranzieht, der durch sein Meditieren und Beten dafür sorgt, dass Gott gar nicht anders kann, als in Dir zu sein und in Dir groß zu sein und Dich auszufüllen. Es ist nicht Dein Tun, es ist nicht Dein ach so gutes Verhalten in dieser Welt, das Gott geradezu dazu zwingt Dich zu erfüllen und in Dir zu wirken. Nein, das ist es nicht. Dein Tun ist es nicht, Deine guten Absichten sind es nicht, Dein ach so gutes moralisches Verhalten, Deine Vorbildlichkeit, sind es auch nicht. Das ist es nicht. Du kannst Gott gar nicht zwingen und es ist auch gar nicht notwendig. Denn das, was dieses Zitat sagt und ausdrückt ist eine ganz bestimmte Erfahrung, die Meister Eckhart mit Gott gemacht hat. Und diese Erfahrung hat ihm gesagt, dass Gott in jedem Augenblick Deines Lebens in voller Fülle und in voller Kraft gegenwärtig ist. Es gibt keinen Augenblick, der reduzierter ist gegenüber anderen Augenblicken in Deinem Leben oder in der ganzen Geschichte dieser Welt. Jeder Augenblick ist schon Fülle, jeder Augenblick ist schon alles, jeder Augenblick ist Weihnachten, jeder Augenblick ist Ostern, jeder Augenblick ist Pfingsten, jeder Augenblick ist Geburt, jeder Augenblick ist Tod, jeder Augenblick ist Erleuchtung, jeder Augenblick ist Dein Augenblick. Und Du kannst diesen Augenblicken nichts hinzufügen, Du kannst einem Augenblick auch nichts nehmen. Dieses Nu oder Nun von dem Meister Eckhart so oft sprach, ist genau dieser Augenblick, der alles enthält, dem es an nichts fehlt. Und sei es der Augenblick in meiner größten Not oder der Augenblick in meinem größten Glück, sei es der Augenblick in der Tiefe meiner Erfahrung während der Meditation, oder der Augenblick in dem ich gar nichts mehr verstehe und indem ich mir völlig entfremdet vorkomme.

Alle Augenblicke sind gleich

Der Augenblick auf der Toilette ist der gleiche Augenblick größter Liebe, ist der gleiche Augenblick in der ich eine erlösende Nachricht erhalte, ist der gleiche Augenblick, in dem ich vor dem Fernseher einschlafe. Deine Erfahrung mag anders sein, aber das hat mit dem Augenblick selber nichts zu tun. Es hat stattdessen mit Deinem Zugang zu tun, es hat mit dem Zustand Deines Inneren zu tun, aber nichts mit dem Augenblick. Gott ist im Nun, Gott ist im Augenblick und zwar in seiner ganzen Fülle, in seiner ganzen Kraft, seiner ganzen Schönheit, in seiner ganzen Herrlichkeit, in seiner ganzen Liebe und Hingabe. Ein Augenblick ist prall gefüllt mit göttlichem Sein und göttlicher Präsenz.

Und deshalb gibt es im Grunde nichts zu tun. Es gibt nichts zu tun, um den Augenblick zu verschönern, erfüllter zu machen, schöner zu machen. Jeder Augenblick ist Fülle und Du musst Gott nicht herbeibitten, herbeiflehen oder etwas Ähnliches tun: Gott ist da, Gott ist in Deinem Leben da. Jetzt in diesem Augenblick, wo du das hörst, was ich gerade sage, ist schon der Augenblick größter Fülle, nicht größer als gleich und nicht größer als später sondern jeder Augenblick ist größte Fülle.

Und wir dürfen noch weitergehen.

Du darfst spirituell faul sein

Vor einiger Zeit während meiner Meditation kann in mir ganz stark der Gedanke auf, dass ich die Präsenz Gottes bin. Das kam mir erst seltsam vor und ich dachte, was denkst Du da wieder. Und man soll ja auch bei der Meditation nicht denken. Aber dann wurde mir klar, was ich damit gemeint habe oder was Gott damit gemeint hat, als er mir diese Erkenntnis gab. Ich bin unbewusst immer davon ausgegangen, dass die Gegenwart Gottes auf mich zukommen muss, dass mir also etwas fehlte, was ich durch meine Meditation ausgleichen muss. Doch dem ist nicht so: Die Präsenz Gottes ist in mir und ich bin die Präsenz Gottes selber. Nichts muss kommen oder verschwinden, ich muss es nur sehen.

Gott ist sowieso in dieser Welt präsent, aber durch die Menschen kann in er in besonders intensiver Art und Weise präsent sein. Und er hat mich auserwählt, um in diese Art und Weise, die nur ich habe, weil ich es bin, präsent zu sein.

Und ich muss nichts tun, damit ich in diese Präsenz komme, ich muss es nicht meditieren und erbeten und erflehen und was auch immer tun. Ich bin es aus mir selbst heraus. Ich bin es ohne Leistung, ich bin es, ohne, dass ich etwas dafür tun muss. Ich bin es einfach. Natürlich ist es so, dass durch mein Beten, Meditieren diese Präsenz mir klarer sichtbar und bewusster werden kann, dass ich wirksamer in dieser Welt wirken kann, aber doch fußt meine Meditation auf etwas, das nicht in meiner Macht liegt und dass ich weder beeinflussen noch kontrollieren kann. Der Kern des Menschen wie des Augenblicks ist unantastbar und in jedem Menschen und jedem Augenblick ganz präsent. Wenn es aber um etwas geht, was ich tun kann und soll, dann ist es dies: Alles loslassen, was nicht zur Präsenz Gottes gehört, alles loszulassen, was nicht wirklich ist, in mir, alles loszulassen, was der freien Wirkung der göttlichen Präsenz in meinem Leben zuwiderläuft. Meister Eckhart war ein Freund des Loslassens und der Gelassenheit. Denn das ist Gelassenheit, gelassen da zu sein, weil Gott in mir wirken kann und alles was ich tun muss ist, gelassen zu sein, ich lasse es einfach, lass es einfach los. Deine vielen Gedanken, lass sie los.

Deine Sorgen und Ängste, lass sie los.

Deine Pläne und Vorhaben, lass sie los.

Deine Vorstellungen und fixen Ideen, lass sie los.


Erkenne Deine göttliche Würde!

Und die Kunst des Loslassens ist es, dass man daraus keinen Stress macht, keinen Druck ausübt sondern, dass man in gewisser Weise auch das Loslassen loslässt, damit daraus kein Gesetz und keine Methode wird. Gott will in uns wirken und ob liegend oder stehend, Gott nutzt den nächstmöglichen Augenblick, indem es ihm möglich ist, in mir groß zu werden, indem das Göttliche den Haarriss im Panzer meines Ichs nutzt, um in mir zu wirken, um mich in die Freiheit zu führen, damit seine Präsenz in mir frei in diese Welt strahlen kann. Und dann kann offenbar werden, was ich wirklich bin, wozu ich wirklich hier bin. Dass ich nämlich göttliche Würde in mir trage, dass ich gottesebenbildlich bin, dass ich wie Gott ausschaue, dass meine Seele wie Gott ausschaut. Und wenn Du jetzt gleich dieses Lesen beendest, wenn Du das Nächste tust, was jetzt ansteht, wenn Du morgens aufstehst und in Deinen Tag gehst, in Deinen Alltag, was immer auch anstehen mag, wenn Du Dein Leben lebst, dann gehe in dem Bewusstsein, dass jeder Augenblick göttliche Fülle besitzt, dass Du die göttliche Präsenz schon bist, dass Du die göttliche Würde trägst und gottesebenbildlich bist, dass Deine Seele wie Gott ausschaut. So gehe in Deinen Tag, so lebe Dein Leben. Gott nutzt jede Gelegenheit, um Dich zu fördern, um Dich zu finden, und um Dich zu tragen.

Ich freue mich immer über Kommentare und über Deine Sichtweise und Ergänzungen. Und wenn Du zu diesem Beitrag eine Frage hast, Du etwas mitteilen möchtest, dann schreib es gerne hier als Kommentar.

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