Schäme dich – nicht!

13. Dezember 2025

Heute lade ich dich zu einem ganz besonderen Gefühl ein. Es ist ein Empfinden, das oft als sehr belastend erfahren wird und uns in vielen Situationen unseres Lebens begegnen kann: die Rede ist von der Scham.

Vielleicht kennst du das Gefühl, dich für dich selbst, für das, was du getan hast, oder einfach für dein ganzes Sein zu schämen. Manchmal gibt es auch diese ganz besondere Form, das sogenannte Fremdschämen, bei dem jemand anderes etwas tut, was du nicht verstehen kannst und wofür du dich schämst. Du schämst dich dann dafür, dass dieser Mensch sich so zeigt, sich so entblößt und sich freiwillig seiner Würde berauben lässt.

Scham ist ein schwieriges Gefühl, das uns tief belasten kann und uns oft schon von Kindesbeinen an begleitet. Doch was will dir die Scham eigentlich sagen? Im Grunde genommen will die Scham dich schützen. Sie möchte deine Würde schützen, deinen eigenen Raum schützen, deinen sogenannten Safe Space.

Wann aber schämst du dich? Wann spürst du dieses Gefühl? Du schämst dich, wenn du dich nach deinem eigenen Empfinden unwürdig verhältst, wenn du freiwillig deine Würde abgibst oder – noch schlimmer – wenn dir deine Würde geraubt wird. Du schämst dich auch, wenn andere bewusst in deinen Raum, in dein Innerstes, in dein Intimstes eingreifen und sich Zugang verschaffen.

Scham entsteht dort, wo wir unsere Würde verlieren. Natürlich verlieren wir unsere grundsätzliche Würde nie, aber die gefühlte Würde, die verlieren wir immer wieder, sodass wir sie manchmal nicht einmal mehr fühlen oder wahrnehmen können.


Wenn der Schutz entrissen wird

Dieses Gefühl bricht immer dann durch, wenn du dich zeigen musst, wenn Teile von dir gezeigt werden oder wenn in dein Leben eingegriffen wird. Wenn dir sozusagen der Schutz entrissen wird und du entblößt bist. Stell dir vor, du bist einer Meute von Menschen ausgesetzt, die etwas von dir mitbekommen, was sie nicht mitbekommen sollten, was du nicht möchtest, dass sie es sehen: Deine Wunden, deine Schmerzen, deine Schwächen.

Du schämst dich, wenn du manches nicht so vollziehst, wie du es dir wünschst, etwa wenn man älter wird und es nicht mehr gelingt, das Maß an Sauberkeit oder Ähnlichem aufrechtzuerhalten, wie man es vielleicht 50 oder 60 Jahre gewohnt war – und andere sehen es. Dann schämst du dich.

Wenn dir einfach die Bettdecke weggerissen wird, schämst du dich. Und das ist erst einmal ganz natürlich und völlig verständlich, dass du es tust, denn es ist auch völlig in Ordnung, dass du dich dann schämst. Da ist nämlich etwas passiert, was du nicht wolltest und was man auch nicht tun darf.

Auch wenn du dich für deine Fehler schämst, ist das eine nachvollziehbare und verständliche Reaktion. Vielleicht hast du wirklich etwas falsch gemacht, vielleicht hast du jemandem geschadet; dann ist Scham ein durchaus angemessenes Verhalten.

Wir sehen das oft, zum Beispiel bei Gerichtsverhandlungen, wenn Täter sagen: „Ich schäme mich für das, was ich getan habe.“ Das ist für Opfer ein wichtiger Hinweis: Dieser Mensch hat verstanden, was er mir angetan hat, und deshalb sind solche Äußerungen so entscheidend.

Was bedeutet Scham eigentlich?

Lass uns einmal überlegen: Was ist Scham überhaupt? Wie können wir dieses Gefühl allgemein verstehen? Ich möchte es so fassen: Scham heißt: Ich will mich nicht zeigen, ich will mich nicht zeigen müssen. Scham heißt: Ich möchte mich verstecken und ich möchte verschwinden. Wir sagen: „Ich schäme mich zu Boden“ oder „Ich könnte im Boden versinken“ – das hat direkt mit Scham zu tun.

Es geht immer darum, dich zu absentieren: wegzugehen, allein zu sein, eine Decke über den Kopf zu ziehen, dich irgendwo in der Ecke oder im Schrank zu verkriechen, unterm Bett – möglichst ganz weit weg, sodass dich keiner sieht, keiner hört und keiner merkt, dass du da bist. Im Grunde geht es darum, unsichtbar zu werden. Besser noch: Du bist am besten so, dass man dich gar nicht wahrnimmt. Du verschwindest ganz.

Und dann hast du plötzlich wieder deinen Raum, in dem du ganz sicher bist, weil dich keiner wahrnehmen kann, und du nimmst die anderen am besten auch gar nicht wahr. Es ist die völlige Trennung. Das ist Scham. Wir möchten im Boden versinken.


Der Ursprung in der Kindheit

Scham entsteht im Laufe unseres Lebens. Wie so oft und wie so viel, hat es seinen Ursprung in der Kindheit, vielleicht weil wir manches zu viel, manches zu wenig oder falsch waren. So haben wir uns erlebt: „Das habe ich zu viel gemacht“, „Das habe ich zu wenig gemacht“, „Das habe ich falsch gemacht.“ All diese Reaktionen haben wir im Laufe unseres Lebens erhalten: „Das tut man nicht. Das macht man nicht. Wie kannst du das nur tun? Wie konntest du das machen?“ Jede Generation hat eigene Dinge, für die man sich schämen muss: „Dafür musst du dich schämen. Schäme dich!“ Und dann schämen sich die Kinder. Sie schämen sich dafür, ihren Raum zu schützen. Sie schämen sich, den Verlust ihrer Würde zu betrauern.

Moral und die Angst, sich zu zeigen

Scham entsteht auch nicht nur aus diesem Angelernten, sondern natürlich auch aus Verletzungen, aus Demütigungen und aus sehr engen Regeln heraus. Je moralistischer eine Gesellschaft ist, desto mehr Scham gibt es dort, und umso mehr Schamgefühl wird auch gefordert. Eine Gesellschaft, die sehr auf Moral, auf Anständigkeit, gerade auch auf Sexualmoral fokussiert ist, wird sehr viel Scham bei den Menschen produzieren.

Das bedeutet: Die Menschen haben ein übergroßes Bedürfnis nach Schutz, nach Verborgenheit, nach Kontrolle – und sie verlieren die Freude daran, sich zu zeigen. Denn das wird ja verhindert: Du freust dich, dich zu zeigen, aber es ist nicht gut, oder du hast schlechte Erfahrungen damit gemacht.

Der Weg aus der Scham: Du darfst dich zeigen

Das ist auch der Weg aus der Scham. Der Weg aus der Scham ist, zu verstehen und zu lernen – und das ist ein langer, langer Prozess –: dass ich mich zeigen darf.

Du darfst dich zeigen mit allem, was du bist. Das heißt nicht, dass du dich allen zeigen sollst oder musst; es geht erst einmal um dich selbst. Manche schämen sich ja auch vor sich selbst. Vielleicht schämst du dich, wenn du dich im Spiegel anschaust: Wie siehst du aus? Wie verändert sich dein Körper?

Wenn man älter wird, verändert sich unser Körper oft drastisch und entspricht überhaupt nicht mehr den körperlichen Idealvorstellungen unserer Gesellschaft. Ganz im Gegenteil: Manches entsteht und bleibt, was wir uns wegwünschten. Die Haut wird anders und runzelig. Wir kriegen Fettpolster und werden unförmig. Und doch: Du darfst dich zeigen. Vor dir selbst und auf alle Fälle vor Gott.


Eine tiefe Meditation

Probiere es einmal aus: Betrachte dich vielleicht einmal nackt vor dem Spiegel in Ruhe und versuche, zu jedem Teil, der dir normalerweise nicht so gefällt, oder zum Gesamten eine freundliche Haltung einzunehmen. Das kann schon ein wichtiger Weg sein.

Du musst dich gar nicht überall zeigen. Warum auch? Du darfst dich schützen. Du darfst deinen Raum schützen. Du darfst bestimmen, wer was von dir sehen darf. Das ist wichtig. Aber dich vor den Spiegel zu stellen und zu sagen: „So sehe ich aus“, das ist eine tiefe Meditation. Ich stelle mich vor den Spiegel. Ich betrachte mich nackt. So bin ich. Das bin ich mit all dem. Und ich heiße das alles herzlich willkommen. Da ist nichts dran, wofür man sich schämen muss.

Wie können wir auf die Scham anderer reagieren?

Wie können wir auf andere Menschen reagieren, die Scham empfinden, die Schäden davongetragen haben? Hier gibt es für mich zwei ganz wichtige Aspekte:

  • Schutz: Den Schutzraum geben, ermöglichen oder wahren.

  • Fürsorge: Soweit diese gewünscht ist.

Du siehst das heute oft bei Unfällen: Sofort werden so Sichtschutzzelte aufgebaut, damit die Opfer geschützt sind und nicht den Gaffern schutzlos ausgeliefert, vor den Augen und vor den Linsen so vieler Handys. Schutz ist das Erste und Wichtigste. Manche wollen auch einfach nur für sich sein und keinen anderen Menschen dabei haben.

Schutz und Fürsorge – das ist der Weg, wie du mit Menschen umgehen kannst, die sich zutiefst schämen. Aber noch wichtiger ist eben für dich, dass du lernst: Du darfst dich vor dir selbst und vor Gott so zeigen, wie du bist. Mit allen Schwächen, mit allen Begrenzungen, mit allen Seltsamkeiten, die du vielleicht im Laufe deines Lebens angesammelt hast – so wie ich auch.

Steh vor Gott, nackt. Wie Adam eigentlich, der sich dann versteckt hat, als Gott ihn rief. Nackt. So stehen wir vor Gott. Alle Mann, alle Frau. In jedem Gottesdienst stehen wir eigentlich nackt vor Gott. Und so darf es sein. Und so soll es sein.

Wenn du dich fragst, wie du mit schwierigen Situationen oder Emotionen umgehen kannst, gibt es Wege, die dir helfen können. Ich unterstütze dich gerne dabei.


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