Was ist Meditation? Diese Frage steht oft am Beginn vieler Wege. Ich möchte heute ein wenig beleuchten, was eigentlich in uns und mit uns geschieht, wenn wir meditieren. Was kannst du erwarten? Und vor allem: Warum tust du das letztlich? Es geht ja immer auch darum, Früchte zu tragen, dass du im Laufe der Zeit durch die Meditation gewandelt und verändert wirst. Lass uns diese Früchte gemeinsam betrachten.
Die Kraft der inneren Ruhe: Mehr als nur Entspannung
Das Offensichtlichste zuerst: Die Meditation führt dich tatsächlich zur Ruhe. Das ist die allgemeine Erwartung, nicht wahr? Doch es ist nicht immer so, und es wird nicht immer so sein. Meditation kann dich in bestimmten Situationen nämlich auch ganz schön aufregen und erregen. Dein Gedankenkarussell kann so stark sein, dass du gar nicht zur Ruhe kommst. Ganz im Gegenteil: Du hast vielleicht den Eindruck, es dreht sich immer schneller, wenn du meditierst. Das kann unterschiedliche Gründe haben, und jeder Mensch reagiert anders darauf. In solchen Momenten geht es dann nicht darum, aufzuhören, sondern eher zu schauen: Was regt dich da so an? Welche Gedanken sind es, die sich immer und immer wiederholen?
Trotz dieser Phasen können wir grundsätzlich festhalten: Meditation ist ein Mittel, ein Weg – und das ist ja mittlerweile auch wissenschaftlich belegt – eine Möglichkeit, dich zu beruhigen. Das ist sehr wichtig.
Dein Heilungsprozess beginnt
Dabei geht es nicht nur um Wellness, darum, schöner und entspannter zu sein oder gegen Burnout anzukämpfen. Wenn du in der Lage bist, dich zu beruhigen, dein gesamtes System, dein Nervensystem herunterzuregulieren, und gleichzeitig in Kontakt mit vielleicht belastenden Situationen aus deiner Vergangenheit kommst, dann passiert etwas Eigentümliches in deinem Gehirn: Es entsteht nämlich wie von selbst ein Heilungsprozess.
Das braucht Zeit, versteh mich nicht falsch. Es ist oft besser, das gezielter anzugehen, als es einfach nur zu erwarten. Aber es kann passieren, es passiert auch! Es gibt viele Berichte von Menschen, die durch Meditation genau das erlebt haben.
Dieser Prozess entsteht durch die Ungleichzeitigkeit zwischen einer Belastung, die oft erregend ist, und einer tiefen Entspannung. Wenn diese beiden Dinge zusammenkommen, passiert meistens etwas Gutes. Oft. Das ist eine ganz wichtige Situation, weil dein inneres System dann in die Lage versetzt wird, Dinge zu verarbeiten. Wenn es zu erregt ist, muss es sich schützen, muss es herunterregulieren. Es hat keine Zeit dafür, keine Kapazitäten. Wenn es aber andererseits sehr entspannt ist – und bei Entspannung und innerer Ruhe öffnen sich innere Tore, das kann ich dir sagen, es öffnen sich innere Tore –, und wenn dann etwas Belastendes hinzukommt, ohne dass die Entspannung verloren geht, dann kann das in unserem inneren System verarbeitet und eingeordnet werden. Das ist es, was wir dann als Heilung oder als Stärkung erfahren. Die Meditation ist also nicht nur dieses Entspanntsein, dieses nice to have, sondern sie ist wichtig für deinen Heilungsprozess.
Loslassen der Gedanken: Du hast Gefühle, aber du BIST sie nicht
In der Meditation üben wir natürlich das Loslassen. Wir üben das Loslassen unserer Gedanken. Meditation heißt ja nicht, nicht zu denken. Du wirst weiterdenken und alles Mögliche in dir erfahren und spüren: Wut, Ärger, was auch immer. Das, worum es jedoch geht, ist ja, das wahrzunehmen, ohne dich damit zu identifizieren. Und das ist wiederum ein nächster, sehr wichtiger Schritt.
Wir sind mit unseren Gefühlen oft sehr stark identifiziert. Und das macht sie so unerträglich, manchmal zumindest. Vor allem die belastenden Gefühle, natürlich. Oder wir sind mit Meinungen identifiziert: "So denke ich!" "Ich bin wütend, ich bin ärgerlich, ich bin stinksauer." Die Emotion ist natürlich da, aber in der Meditation – und so habe ich es erfahren – habe ich gelernt zu erkennen, dass ich Gefühle habe, aber nicht bin. Dass es Teile von mir sind und dass ich sie sein lassen kann, ohne sie zu unterdrücken oder Ähnliches. Aber ich muss mich nicht damit identifizieren. Und das ist wiederum ein wirklich großer Unterschied.
Wenn du dich nicht damit identifizieren musst, kannst du aus einer größeren inneren Ruhe heraus der Welt und anderen Menschen gegenübertreten. Du musst nicht auf jedes Ärgernis reagieren. Verstehst du, das ist gar nicht nötig. Du kannst das wahrnehmen und sagen: „Okay, da ist mein Ärger, den kenne ich, der kommt immer in diesem Augenblick.“ Und dann kannst du normal, ruhig weitergehen. Das ist Übung, wie Meditation selber Übung ist. Wir werden also von solchen Identifikationen befreit, und das ist ein ganz wichtiger Schritt.
Der Weg zur Spiritualität: Die Schwächung des Egos
All diese Schritte, die ich dir nenne, sind ganz wichtig, weil sie dich letztlich zu einer tiefen Spiritualität führen. Indem du diese Identifikationen aufgibst – und das Ego ist im Grunde eine Form von ganz vielen Identifikationen, bei denen du sagst: "Das bin ich und das bin ich und das bin ich" –, bilden diese Identifikationen dein Ich. Diese Identifikationen wollen sich halten, sie haben den Wunsch nach Stetigkeit.
Wenn du beginnst, dich von dieser Identifikation zu lösen – nicht von den Gefühlen, das wäre Verdrängung! Du lässt die Gefühle da sein, aber eben nur als einen Teil von dir – dann schwächst du das Ego, weil das Ego Identifikation ist. Und das ist natürlich ein ganz wichtiger, auch spiritueller Prozess. Je schwächer dieses Ego wird, umso eher spürst du auch, dass deine Spiritualität, das, worauf du dein Leben aufgebaut hast, und deine Grundannahmen oft einfach aus dem Ego kommen. Sie sind Festsetzungen, deine eigenen Dogmen über das Leben, und sie entsprechen dir vielleicht gar nicht.
Deswegen ist diese Schwächung des Egos so wichtig, weil es dich zu deiner ganz natürlichen Spiritualität führt. Der Spiritualität, die aus dir kommt, die dich führt und leitet. Diese Schwächung des Egos ist das Ziel der Meditation.
Raum geben für das Selbst
Ich meine hier eine stille Meditation, wie sie im Zen geübt wird, im Herzensgebet oder im zentrierenden Gebet (Centering Prayer). Es geht darum, dass in deinem inneren Raum Platz für dein Selbst geöffnet und geweitet wird. Du öffnest dich. Indem du das Ego schwächst, gibst du deinem Selbst Raum, in deinem Leben zu wirken. Es wirkt natürlich auch ohne dem. Aber wenn du ihm mehr Raum gibst, weniger Widerstand leistest, kann es natürlich viel freier in deinem Leben wirken.
Wenn du beginnst, diesen Raum zu öffnen, dann beginnt wirklich der Weg der inneren Wandlung. Denn du wirst aus dem Inneren heraus entwickelt. Nicht mehr nach Vorstellungen, die du hast, wo du sagst: "Das will ich nicht, das mag ich nicht, das macht man nicht." Stattdessen lässt du dich auf einen Prozess ein, der sich aus dem Inneren heraus entwickelt, den du nicht geplant oder festgesetzt hast und auch nicht planen darfst. Du musst das dem Selbst überlassen.
Dieser Prozess beginnt dann, und du wirst mitgenommen. Du bist dann nicht mehr derjenige, der das plant und macht und überlegt, sondern der sich darauf einlässt. Das nennt man dann Hingabe. Ich gebe mich diesem Prozess, diesem Weg hin. Und was immer auf diesem Weg mir begegnet, ich will es nehmen.
Das Ego würde sagen: "Nee, das mache ich nicht. Das ist ja furchtbar! Da kommt ja alles Mögliche bei raus. Wie schlimm! Ich suche schon aus, was da kommt. Ich nehme nicht alles, auf keinen Fall." Solange du auf dieser Ego-Ebene bist, ist das völlig klar und verständlich. Wenn du aber an deinem Selbst angekommen bist, gibt es eigentlich keine andere Haltung mehr als die der Hingabe, der Offenheit.
Das Selbst wirkt
Das Selbst hat eine göttliche Qualität, es ist in gewisser Hinsicht heilig. Und wenn es Gehorsam auf dem Weg gibt, dann gilt er sicherlich nicht dem Meister oder der Lehrerin, sondern immer nur dem Selbst. Aber das muss man erst einmal unterscheiden können, wann es das Selbst ist und wann es irgendein Ego-Anteil. Deswegen ist diese Übung so wichtig.
Das Selbst wirkt zudem ohne Auftrag. Du musst nur den Raum öffnen, und es beginnt seine Arbeit oder setzt sie fort. Denn das Selbst macht das ja fortlaufend. Das Selbst ist so groß und so mächtig und so verbunden, dass es auch Dinge im Äußeren verändern kann. Dass dir Menschen plötzlich begegnen und du denkst: "Das passt jetzt plötzlich genau." Das sind Impulse aus dem Selbst. Unser Selbst wirkt nicht nur in unser Leben hinein, sondern in diese Welt hinein. Und dadurch kommt es eben zu dem, was man Synchronizitäten nennt. Dinge geschehen zur gleichen Zeit, und du spürst: Das hat Bedeutung, das ist bedeutsam. Das kommt dann vom Selbst. So tief geht das. Es geht weit über uns hinaus.
Sich dem anzuvertrauen, diesem Göttlichen in dir anzuvertrauen, und dann ins Leben zu gehen. Das ist für mich eigentlich der Weg der Meditation, der Weg zu einer natürlichen Spiritualität. Sie ist nicht gemacht, gesetzt oder übernommen. Sie kommt aus dem Innersten, aus dir, aus dem Selbst, aus diesem göttlichen Sein in dir. Und ist nicht irgendwie hergestellt, fein herausgeputzt, sondern ganz natürlich aus dir selbst heraus. Dafür ist Meditation da.
Ich meditiere seit vielen Jahren und spüre mehr denn je die Früchte dieses Übens. Ihre Entfaltung setzt jedoch eine langjährige Kontinuität voraus – es geht nicht um stundenlange Sitzungen am Tag, sondern um das konsequente Dranbleiben über viele Jahre hinweg, um diese Früchte dann auch tatsächlich ernten zu können.

