Warum Du auf dieses Wort verzichten solltest

23. Oktober 2022

Es gibt ein Wort, auf das Du mindestens die nächsten 8 Wochen verzichten solltest. Und ich sage Dir auch gleich, um welches Wort es sich handelt, es geht um das Wort: Gott.
Warum Du verzichten solltest?
Es gibt vermutlich wenige Worte, die so missbräuchlich genutzt und in den Mund genommen werden, wie dieses Wort.
Und das Schlimmste ist, dass wir meinen, wir würden wissen, was sich dahinter verbirgt.
Wir wissen in der Regel, was gemeint ist, wenn ich von einem Stuhl spreche oder einem Teller. Das sind Dinge, die kann ich begreifen und die sind für alle irgendwie gleich. Schwieriger wird es mit abstrakten Begriffen. Wer weiß schon, was Freiheit oder Liebe wirklich ist? Was heißt es, wenn ich vom Geist oder dem Bewusstsein spreche, was bedeutet es, wenn ich sage, das ist schön und dieses ist hässlich? Abstrakte Begriffe sind in ihrer Bedeutung weitaus weniger klar definiert, wie konkrete Begriffe, die sich auf Gegenstände und Dinge beziehen, die ich mit den Sinnen wahrnehmen kann.
Und nun kommt noch das Wort Gott dazu.
Es gibt so viele Bücher über Gott oder das Göttliche – aber was heißt das eigentlich?
Weißt Du es?
Auch ich nutze natürlich diese beiden Wörter und das lässt sich in der Regel auch gar nicht vermeiden. Aber es ist eine Falle, es ist wirklich eine Falle, weil es Gott zu etwas macht, was ich verstehe, oder es erweckt zumindest den Anschein und suggeriert mir, dass ich es verstehe. Aber das tun wir nicht.


Gott lässt sich nicht in Begriffe packen

Noch ein Grund, warum Du auf dieses Wort verzichten solltest ist, dass Du mit einem solchen Begriff Gott zu etwas machst, was sich auch in Begriffe fassen lässt.
Gott wird dann zu etwas, das im Grunde nicht viel anders ist, als alles andere. Haus, Baum, Blume, Gott – so ungefähr. Das aber wird Gott in keiner Weise gerecht, es verbietet sich geradezu, Gott als ein Element dieser Welt zu begreifen und zu benennen. Gott ist nicht ein Teil dieser Welt. Hier steht ein Baum, da ist eine Straße und hier ist Gott?
Einen solchen Gott kannst Du getrost vergessen.
Wenn ich aber von Gott spreche und dieses Wort “Gott” so gebrauche, wie alle anderen Worte, dann rede ich mir das selber ein, mir und anderen.


Wir müssen wieder suchen

Und hier ein weiterer Grund, warum Du auf das Wort “Gott” verzichten sollst: Wir machen es uns zu einfach und zu bequem. Wir schauen einfach nicht mehr auf unsere Erfahrung, schauen nicht mehr, was wir erlebt haben, sondern setzen es wie einen unbestimmten Parameter in einer Formel ein. Damit aber kürzen wir unsere Erfahrung ab, denn das Wort “Gott” kann dann wirken, wie ein verfrühter Punkt eines Satzes. Der Satz ist zu Ende, bevor alle Elemente genannt wurden. Und so bleiben unsere Erfahrungen auch auf halber Strecke stehen, bevor ich sie alle wahrgenommen und vielleicht auch ausgedrückt habe.
Wir müssen stattdessen nach eigenen Worten suchen, müssen herum stottern, die Stille des “Noch-nicht” aushalten, die Stille, in der sich nichts zeigt, kein Wort oder Begriff, die Stille, in der ich darauf warte, mein Wort gefunden zu haben, um sogleich zu merken, dass auch dieses Wort vorläufig ist.
Jedes Wort über Gott oder das Göttliche ist vorläufig, jedes. Es ist ungeheuer wichtig, dass wir uns das klarmachen.
Eins noch, bevor ich Dir gleich die Übung vorstelle, zu der ich Dich einladen möchte.
Natürlich brauchen wir ein Wort wie Gott. Wir diskutieren vielleicht mit jemandem, und da will ich natürlich ein Wort haben, das schnell ausdrückt, worum es in etwa geht. Auch die Wissenschaft braucht ein solches Wort. Die Wissenschaft aber hat es sich zur Angewohnheit gemacht, bevor ein Begriff eingeführt wird, diesen zu definieren. Mein weiß ja, wie sehr man der Versuchung verfallen kann zu meinen, alle wüssten schon, was das Wort bedeutet.
Deshalb geht es mir in der Übung, die ich Dir empfehlen möchte nicht darum, dass Du Dir jedes Mal auf die Zunge beißt, wenn Du versucht bist, das Wort Gott zu sagen. Das würde schnell krampfig werden.


Übung

Nein, mir geht es nur um einen Zeitraum, den Du gerne frei bestimmen und festlegen kannst. Mir geht es darum, dass Du Dir eine Zeit des Experimentierens schenkst, indem Du nach neuen Worten suchst. Verzichte auf alle gewöhnlichen Worte, die wir mit Gott verbinden. Das kann das Wort Gott, das Göttliche, Vater, Herr oder auch Christus sein. Es kann auch sein, dass Du ganz andere Worte benutzt, dann nimm diese und lasse sie in den nächsten Wochen aus.
Wenn Du dann also das nächste Mal das Wort Gott in den Mund nehmen möchtest, dann suche nach einem anderen Wort, umschreibe das Phänomen Gott, umschreibe Deine Erfahrung.
Ich zum Beispiel würde oft von einer Tiefe sprechen statt von Gott, von einer Tiefe, die mich berührt, oder von etwas Großem, das mir begegnet, oder das Überweltliche kommt mir in den Sinn, das Jenseitige oder das Umfassende. Aber das sind meine Worte, Du kannst und sollst eigene Worte finden. Es darf auch mal komisch klingen oder plötzlich kommt ein Wort, das Dich zum Lachen bringt. Alles kein Problem, sei mutig im Finden von neuen Worten und Begriffen und beschreibe das, was Du erlebt und erfahren hast, beschreibe Deine Wahrnehmung des Göttlichen in Deinem Leben.
Aber suche nicht wieder das endgültige Wort, das Wort, das immer richtig ist und alles umfasst. Ein solches Wort gibt es nicht, kein Wort der Welt kann aussagen, was Gott ist. Alles bleibt immer fragmentarisch.


Innere Suchprozesse

Ich möchte Dir aber auch noch sagen, warum Du diese Übung machen sollst, oder warum ich Dich dazu einlade.
Wenn Du auf Deine gewohnten Begriffe verzichtest, dann beginnt etwas Eigenartiges in Dir, Du beginnst nämlich mit inneren Suchprozessen nach etwas Neuem und Passendem zu suchen. Diese Suchprozesse sind ungeheuer wichtig und wir lassen uns oft zu wenig Zeit dafür. Das Wort Gott ist eine Abkürzung für solche Suchprozesse. Sie machen es uns leicht, nicht suchen zu müssen. Das hilft vielleicht, wenn es schnell gehen soll, bei einer Diskussion vielleicht, aber es ist nicht hilfreich, wenn ich ausdrücken möchte, was ich in einer Meditation erlebt habe. Dann sind innere Suchprozesse Gold wert. Sie sorgen erst dafür, dass ich zu etwas finde und komme, was ganz zu mir passt, was meine Gefühle und Empfindungen so ausdrückt, wie ich sie erlebt habe. Und so wird ein Erlebnis zu einer Erfahrung.
Aber noch etwas geschieht, wenn Du diese Übung machst. Du wirst sensibilisiert für die Sprache und unsere Worte, insbesondere natürlich für das Wort Gott. Vielleicht wirst Du nach der Übung das Wort vorsichtiger, fragender und sensibler nutzen, vielleicht auch einschränkender. Dann wäre das Ziel dieser Übung auf alle Fälle erreicht.
Lass Dich also von Dir selbst irritieren, lass Dich in diese Stille führen, wo Du innerlich nach einem Wort suchst, was jetzt passend ist – aber nicht Gott heißt.


Dichterische Existenz des Menschen

Und nun noch etwas, was ich ganz grundsätzlich sagen möchte und was ich wichtig finde. Ich bin der festen Überzeugung, dass uns allen das Dichterische im Blut liegt. Klar gibt es besonders begabte Poeten und Künstler. Aber das heißt nicht, dass nicht auch Du mit Worten arbeiten kannst, dass nicht auch Du nach neuen Worten suchen darfst. Es geht ja nicht um Dein nächstes Buch für die Buchmesse in Frankfurt, es geht um Deine Spiritualität, um Dein Leben.
Es geht um die dichterische Existenz des Menschen. Und dieser Teil unseres Lebens geht so oft verloren. weil wir meinen, dass wir es nicht können und weil wir auf innere Suchprozesse verzichten, weil wir viel zu technisch und zu logisch denken.
Die dichterische Existenz des Menschen ist eine Art zu leben, die sich ganz aus der Poesie ableitet – und damit sind nicht nur Gedichte gemeint. Es ist ein Zugang zur Welt, jenseits der Logik, mit großer Offenheit für Assoziationen, für Resonanzen und für das Neue, das sich zeigen will und doch manchmal im Grunde ganz alt ist.





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  • Lieber David, Du sprichst mir aus der Seele, wie es so schön heißt! Es geht mir nicht nur mit dem Begriff Gott (! Griff = Festhalten) so, sondern mit ganz Vielem, das ich im kirchlichen Kontext, gerade in sprachlicher Hinsicht erlebt habe und immer noch erlebe, von außen wie von innen, sprich, auch meine eigenen Definitionen. Dein Beitrag rüttelt mich wach und fördert meine Aufmerksamkeit.
    Ganz herzlichen Dank!
    Maria Regina

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