Warum Du Deine eigene Religion gründen solltest

20. Mai 2023

Vor vielen Jahren erreichte mich ein Zitat von Carl Gustav Jung, den ich sehr schätze. Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang er diesen Satz gesagt oder geschrieben hat, aber er leuchtete mir sogleich ein. Das Zitat lautet in etwa so: Für jeden Menschen muss im Grunde eine eigene Psychotherapie entwickelt werden.

Ein kurzer Satz, der aber eine wichtige Bedeutung hat und der dann im Laufe der Zeit mich zu der Erkenntnis führte, dass es nicht nur für jeden Menschen eine eigene Psychotherapie braucht, sondern sogar eine eigene Religion.

Dieser Ansatz mag die eine oder den anderen verwundern. Gerade im Christentum, mit seinen Dogmen, Katechismen, der ausgefeilten Theologie, der Kirchenhierarchie und all dem, das hört sich alles nicht danach an, als könne jeder selber sich ans Werk machen und eine eigene Religion gründen.

Daher möchte ich es Dir erklären, was ich damit meine. Und es ist mir damit sehr ernst und ich halte diesen Ansatz für wichtig.


Glaube und Spiritualität ist persönlich

Zunächst möchte ich damit beginnen, dass Glaube und Spiritualität etwas sehr Persönliches sind. Das muss es ja auch sein, denn es ist nicht irgendeine Meinung, der ich mich anschließen kann oder auch nicht, nicht irgendeine Sache. Glaube und Spiritualität haben immer den Anspruch, den ganzen Menschen zu erreichen und zu verändern. Es muss also persönlich sein und persönlich werden.

Dabei sind Glaube und Spiritualität nichts Kognitives, es ist nicht zuerst ein Gedanke, eine schöne und nette Idee, es ist keine Information, die ich lese und die mir sinnvoll erscheint, oder auch nicht. Das alles kann Religion sein, kann Glaube sein, aber dann hat Glaube sein Ziel verfehlt, denn Glaube zielt immer auf das Herz des Menschen ab. Und das befindet sich gewiss nicht im Reich des logischen Denkens.


Glaube und Spiritualität ist persönlich

Glaube und Spiritualität gründen daher auf Erfahrung, das ist grundlegend und wichtig. Die Zeiten zu glauben, weil man es tut, in die Kirche zu gehen, weil es so üblich ist und so weiter, die sind vorbei – Gott sein Dank. Denn wenn Glaube zu einer Konvention wird, dann stirbt er.

Es braucht Erfahrung, eine Erfahrung mit dem Göttlichen und mit dem Heiligen. Dann kann ein Weg beginnen.

Erfahrungen aber sind höchstgradig individuell. Keine zwei Erfahrungen sind die gleichen.

Wenn ich mit einem Freund in die Oper gehe, dann haben wir das Gleiche gesehen und das Gleiche gehört. Doch unsere Erfahrungen sind völlig verschieden, sodass wir uns in der Pause wundern können, ob wir überhaupt in der gleichen Vorstellung waren. 

Und das wäre nicht anders, wenn wir zum Beispiel Zwillinge wären. Es gibt keine zwei Erfahrungen, die identisch sind.

Damit aber ist Spiritualität auch individuell. Es gibt natürlich Ähnlichkeiten in der Form und Art, aber die Grundlage selber ist schon mal individuell.

Vor vielen Jahren traf ich einen Professor für Theologie und er sagte in einem Gespräch beim Mittagessen, dass niemand in der Kirche all das glaubt, was die Kirche lehrt. Es ist so ungeheuer viel, dass niemand das alles kennt und zugleich glaubt. 

Das heißt, dass sich ohnehin und schon immer Menschen aus der Fülle der Glaubensinhalte das herausgenommen haben, was ihnen passend erschien und ich glaube daran, dass es schon immer so war, dass Menschen so geglaubt haben, wie es ihnen sinnvoll erscheint – ob es der Kirche passte oder nicht.


Glaube war noch nie uniform!

Zugleich weiß ich aber, dass es viele Menschen gibt, die manchmal mit überraschend großer Vorsicht vorgehen, wenn es darum geht, auf ganz eigenen Wegen zu gehen, am eigenen Glauben und an der eigenen Spiritualität zu arbeiten und die gewohnten und vorgegebenen Wege zu verlassen.

Ich möchte Dich mit diesem Video ermutigen, es trotzdem zu tun. Haben den Mut, Deine eigene Religion zu gründen. Es geht nicht darum, dass Du plötzlich auf dem Marktplatz stehst und Deine Lehre verkündest.

Es geht darum, dass Du eigene Erfahrungen machst und eigene Schlüsse daraus ziehst. Und dann kannst Du Dich immer noch inspirieren lassen von den Lehren der Religionen und das kann sehr inspirierend und  sehr hilfreich sein – ich will ja nicht die Religionen abwerten oder gar abschaffen.

Aber Du entscheidest, was Du in Dein Leben aufnimmst.


Werde erwachsen!

Mit anderen Worten. Werde erwachsen, komme zu einer erwachsenen Spiritualität, die Dich nicht zu einem Kind degradiert, zu einer Befehlsempfängerin, einer unmündigen und unkundigen Frau. In Deinem Leben gibt es keinen Menschen, der kundiger ist als Du!

Schau nicht mehr auf Autoritäten und Obere und solche in den langen Gewändern. Sondern schau auf Deine Erfahrung, auf das, was Dir momentan als evident erscheint, einsichtig ist und was nicht.

Gib Dir die Erlaubnis, selber zu denken und zu erfahren und zu tun. Du musst niemanden fragen und niemand als Du selbst kann Dir die Erlaubnis geben.

Ich plädiere also für eine selbstbestimmte Spiritualität.


Das Leben ist nicht gerade!

Und das tue ich, weil das Leben so ist. Das Leben ist nicht linear und nicht logisch. Es ist fließend, vernetzt und suchend. Wenn Du danach suchst, richtig zu glauben, dann suchst Du nach etwas, was es nicht gibt. Es geht um eine Spiritualität, die sich organisch entwickelt. Das heißt, dass sich nicht einfach das eine aus dem anderen ergibt, also durch reine Schlussfolgerung. Sondern, dass sich etwas assoziativ entwickelt. Es werden Verbindungen und Zusammenhänge geschaffen, die sich zunächst nicht von einer Logik ableiten, sondern eben assoziativ sind und das nenne ich organisch.

In der Natur gibt es auch keine geraden Wege, sondern immer Wege, die sich schlängeln. Und genau so soll unsere Spiritualität sein. Nicht ein Schachbrettmuster, sondern ein Wegenetz durch die Wildnis dieser Welt, das sich aus der Begegnung mit dem Umfeld und den Möglichkeiten ergibt.Suchst Du noch nach dem geraden Weg, dem Weg, der zwischen zwei Orten kürzer nicht sein könnte, dann kannst Du Dich vielleicht auf der “richtigen” Seite wähnen, aber Du hast kein Leben darin. Denn Leben ist nie gerade, sondern schlängelt sich immer durch die Landschaft, auch durch die Landschaft Deines Lebens.

In der Natur ist es nicht das Ziel, möglichst kurze und stringente Wege zu finden, sondern möglichst stimmige und  dem Umfeld angepasste Wege.Und so sollte auch Deine Spiritualität sein.


Lebe mit Hypothesen!

Und damit Du das tun kannst, musst Du bereit sein, mit Hypothesen zu leben. Suche nicht nach der wissenschaftlichen Letztbegründung, danach, dass es endlich bewiesen wurde, dass es Gott gibt, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, dass es Engel gibt, dass ein Segen wirkt oder was auch immer für Dich wichtig und bedeutsam ist. Das ist alles nett, aber mache Dich davon nicht abhängig. Die ganze Wissenschaft lebt von Hypothesen und das sind Annahmen, gewiss wohlbegründet, aber es ist nichts, was bewiesen ist.

Mache mutige Hypothesen über Dich, das Leben und das Heilige und überprüfe sie anhand Deiner Erfahrungen. Darin steckt Deine Freiheit. Darin steckt natürlich auch das Potenzial zu irren, ganz gewiss. Es kann sein, dass Du am Ende sagen musst – was ich nicht glaube – aber gehen wir mal davon aus, dass Du am Ende zu dem Schluss kommst, dass das alles Quatsch ist, erfunden und nicht wahr. Wenn Du aber Deine Form des Spirituellen gelebt hast, so wie es zu Dir passt und Dir guttut, so wirst Du nicht umhinkommen festzustellen, dass das, was Du dann vielleicht Quatsch nennst, Dir geholfen hat und Dir gut getan hat.Habe also den Mut zu irren und wenn es so weit ist, dann gebe es freimütig zu.

Übrigens ist die ganze Natur darauf aufgebaut, dass wir genauso vorgehen. Die Natur erstellt fortlaufend Hypothesen und durch Mutationen versucht sie herauszufinden, ob diese Hypothese wahr ist. Wenn sie wahr ist, dann geht es weiter, wenn nicht, dann stoppt die Natur. So kann sich Neues entwickeln, und so geht Leben und so geht eine lebendige Spiritualität.

Was natürlich nicht heißt, und das möchte ich nicht vergessen zu sagen, dass Du Deinen Verstand ausschalten sollst. Du brauchst ihn und darum nutze ihn. Aber sieh ein, dass er nur ein Werkzeug ist, das Dir dienen soll und nicht eine Instanz, der Du dienen sollst.


Vertraue Deinen Erfahrungen!

Der Kern dessen, was ich Dir heute sage, besteht darin, dass Du auf Deine Erfahrung bauen und darauf vertrauen solltest. Das ist die wichtigste Quelle für Deine Spiritualität. Nimm ernst, was Du spürst, sorge dafür, dass Du immer mehr und immer tiefer spüren kannst – aber mache nicht gleich eine neue Weltreligion daraus. Ich denke, wir haben da schon genug. Sondern mache etwas Eigenes daraus.

Um unsere Erfahrung zu vertiefen, braucht es eine Arbeit an unserem Bewusstsein. Das ist ein fortlaufender Prozess. Und wenn Du Dein Bewusstsein immer weiter weitest, dann wirst Du mehr erfahren und erleben können. Mit dem Alltagsbewusstsein gelingen Dir nur oberflächliche spirituelle Erfahrungen. Für ein wirkliches Eindringen in den göttlichen Bereich braucht es Augen und Ohren, die hochgradig sensibel und zu einem feinen Instrument für spirituelle Erfahrungen geworden sind  Damit das alles gelingt, ist es wichtig, nicht andere zu bekämpfen, die anders fühlen, denken, spüren oder glauben. 


Bleibe tolerant!

Ein solcher Weg, den ich hier beschrieben habe, ist nur in großer Offenheit und ohne Urteil über andere wirklich möglich.Du kannst einen spirituellen Lehrer oder eine Meisterin zum Beispiel genau daran erkennen. Wie gehen sie mit Menschen um, die anders glauben und vor allem, wie gehen sie mit Menschen aus der eigenen Gemeinschaft um, die einen anderen Weg gehen.

Mein Lackmustest ist dann oft, was spirituelle Meister über die Kirche sagen. Da gibt es wahrlich genug zu kritisieren und zu verändern. Aber mir geht es nicht um die Worte, sondern den Tonfall und die Energie, die mir entgegenkommt. Und dann spüre ich oft, soweit ist es mit Deinem inneren Frieden nicht, da sind noch viel Wut, Hass und Projektion.

Erst, wenn ich im Frieden damit bin, dass andere, andere Wege gehen, dass andere anders sind, dass jede und jeder seine eigene Religion gründen darf, erst dann kann auch mein Weg zu seiner ganzen Größe kommen.

Dann kann daraus etwas Großes und Weites entstehen und vor allem kann dann etwas wirklich wachsen. Du nämlich wirst dann wirklich wachsen zu Deiner vollen Größe.

Und das ist auch gut so!


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