Warum das Leben unfair ist

27. Mai 2023

Schau Dich bitte einmal um, schau in diese Welt, höre Dir die Nachrichten an! Und dann blicke auch noch in Dein Leben, in Deine Familie und in Deinen Freundeskreis.
Ist das Leben fair? Sorgt das Leben dafür, dass die Guten das Gute und die Bösen das Schlechte bekommen?
Ist das Leben gerecht und schafft Gerechtigkeit?
Nein, das tut es nicht. Das Leben ist nicht fair und es ist nicht gerecht. Oder siehst Du das etwa anders?
Wo bleibt die Gerechtigkeit für die vielen leidenden Kinder, die nun wirklich nichts für ihre Situation können? Wo bleibt die Gerechtigkeit für die Ukraine? Wo bleibt die Gerechtigkeit für die Natur, für die Tiere und die Pflanzen und die Sklaven und sinnlos Ermordeten?
Wo bleibt da die Gerechtigkeit des Lebens?
Das Leben ist nicht gerecht.
Und das haben viele Menschen vor mir auch schon so gesehen und darüber nachgedacht.
Denn wir tragen in uns diesen tiefen Wunsch, dass am Ende die Guten gewinnen und die Bösen bestraft werden.


Gerechtigkeit liegt uns im Blut

Als im 18. Jahrhundert ein Junge im Wald völlig verwildert aufgefunden wurde, nahm sich der Taubstummenlehrer Jean Itard seiner an. Der Junge wurde bisher ausschließlich
von Tieren aufgezogen und kannte bis dahin keine anderen Menschen. Jean Itard wollte wissen, ob der Gerechtigkeitssinn angeboren ist. Und so machte er ein Experiment: Er bestrafte den Wolfsjungen, wie der Junge genannt wurde, grundlos und beobachtete die Reaktion. Der Junge wurde böse und reagierte sogleich aggressiv.
Gerechtigkeit, der Wunsch nach einem fairen Ausgleich liegt in unseren geistigen Genen, wir wachsen damit auf, selbst, wenn es uns niemand beibringt.
Aber wie können wir dann mit dem Leben, mit dieser Welt umgehen, wenn wir sehen müssen, im Grunde jeden Tag sehen müssen, dass diese Welt ungerecht ist und das Leben auch.
Die Religionen haben versucht, darauf eine Antwort zu finden. Die Idee des Karmas ist aus diesem Bedürfnis entstanden, dass es also einen Ausgleich gibt, der über den Tod hinausgeht. Das ist im Grunde ganz geschickt und clever. Denn damit konnte man erklären, warum jemand, der in seinem Leben nichts Böses getan hat, dennoch zu leiden hatte und jemand anderes nicht.
Das Christentum hat es anders gelöst und spricht von einem Gericht, also einer Instanz nach unserem Tod, die für Gerechtigkeit sorgt und die Guten belohnt und die Bösen bestraft. Was damit nicht beantwortet wird, ist die Frage, warum überhaupt jemand leiden muss. Die Antwort bleibt uns das christliche Konzept schuldig.
Im Grunde haben alle Religionen versucht, auf das Problem des unfairen Lebens eine Antwort zu finden.
Wie können wir nun damit umgehen, dass das Leben unfair ist?


Ehrlichkeit ist das wichtigste

Zunächst ist Ehrlichkeit gefragt. Wir müssen feststellen, dass das so ist, dass das Leben unfair ist. Beginnen wir damit, uns nichts mehr vorzumachen. Unser gutes Verhalten und unsere Artigkeit ziehen nicht automatisch etwas Gutes an und unser böses und gieriges Verhalten konfrontiert uns nicht automatisch mit Bösem. Seien wir ehrlich zu uns und unserem Leben. So ist das, so können wir es jeden Tag erleben.
Das Problem beginnt allerdings im nächsten Schritt, nämlich damit, wie ich dann auf diese Ehrlichkeit reagiere.


Oder lieber resignieren?

Da gibt es viele, die resignieren und werden verbittert, vor allem solche, die es nicht so gut getroffen haben, wo das Leben seine ganze Unfairness gezeigt hat. Es ist nicht leicht, damit zu leben, dass das Leben unfair ist, wenn man zu denen gehört, die grundlos Leid erlitten haben. Und es ist leicht, über die Unfairness des Lebens zu debattieren, wenn man mit goldenem Besteck zu Mittag isst.
Wenn ich mich aber der Resignation und Verbitterung hingebe, dann sorge ich erst recht für eine unfaire Situation. Der Sieg über das Schicksal ist die Annahme und die Haltung, aus allem das Beste machen zu wollen.
Aber es gibt noch andere Arten, auf die Feststellung, dass das Leben unfair ist, zu reagieren. Ich kann nämlich auch alles auf eine Karte setzen und versuchen, dem Leben so lange es geht und so viel es geht an Lust abtrotzen. So viel Freude und Spaß wie möglich und alles, was Leid, Traurigkeit und Not angeht, verbanne ich aus meinem Leben und aus meinem Blickfeld. Viele Menschen reagieren so und die Gesellschaft und die Wirtschaft sorgen für zahlreiche Angebote.
Diese Haltung geht davon aus, dass das Leben mit dem Tod endet und es daher auch danach keine ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Es lohnt sich nicht gut zu sein, weil es niemanden gibt, der mein Gutsein honoriert. Und das gilt insbesondere für mein Gutsein, das niemand sieht und das mir vielleicht sogar Nachteile einbringt.
Also dann lieber gleich alle Freude und alle Lust in mein Leben schaufeln.
Diese Reaktion findet in der Regel die natürliche Grenze in Krankheit und nahendem Tod.

Und dann gibt es noch die Menschen, die reagieren auf die Unfairness des Lebens so: Sie nehmen einmal kurz wahr, wie es um das Leben steht und dann sagen sie sich: Das habe ich alles nicht gesehen, das gibt es nicht. Sie stecken den Kopf in den Sand und wollen einfach nicht sehen, was sich ihnen so offensichtlich zeigt. Sie ignorieren die Ungerechtigkeit, wollen nicht darüber sprechen und ignorieren alle Angebote. Für sie lohnt es sich nicht, darüber auch nur einen Gedanken zu verlieren, weil doch alles gut ist. Oft sind es Menschen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen, die sich eine solche Haltung gönnen - und leisten können.


Für Gerechtigkeit kämpfen?

Und dann gibt es noch eine andere Gruppe von Menschen und damit eine weitere mögliche Reaktion auf das unfaire Leben. Es sind die Kämpfer und die Revolutionäre. Sie kämpfen gegen die Unfairness an, sie wollen das Leben, diese Welt und das System ändern. Mit aller Kraft und nicht selten auch mit aller Gewalt kämpfen sie für Gerechtigkeit und Recht.
Daran ist natürlich nichts auszusetzen. Solche Kämpfer waren und sind es, die diese Welt verändern und unsere Gesellschaft zu einem gerechteren Ort gemacht haben. Allerdings kommt es oft vor, dass solche Engagierte in ein Burnout kommen, weil sie alle Ungerechtigkeit auslöschen wollen und nicht ertragen können, dass es immer Reste gibt, die ungerecht sind, es gibt immer einen Rest. Und das zu ertragen und zuzulassen fällt solchen Menschen schwer.
Welchen Weg gibt es nun für Dich, wenn Du nicht gerade jemand bist, der in dieser Welt den Goliath-Kampf anfangen oder mit Ross und Schwert gegen Windmühlen kämpfen möchte?
Ich will Dir einfach von mir erzählen, wie ich damit umgehe. Ich stehe zwar nicht gerade auf der Schattenseite des Lebens, und doch habe auch ich das Leben oft als unfair erlebt und musste mir eine Haltung dazu erarbeiten, die mir hilft, ehrlich zu sein und dennoch die Hoffnung nicht zu verlieren.


Wandlung nach den Tod 

Ich glaube nicht an die Gerichtsverhandlung am Ende. Wohl aber glaube ich daran, dass nach meinem Tod ein großer Transformationsprozess beginnt. Ich werde wieder heimkehren, werde wieder ganz in Gott sein. Diesen Prozess aber müssen wir alle durchlaufen und er wird uns leichter fallen, wenn wir uns wie Gott in dieser Welt verhalten haben, wenn wir also möglichst oft und möglichst intensiv aus der Liebe gelebt und gehandelt haben. Niemand wird das durchgängig getan haben. Der Prozess der erneuten Vergöttlichung, wie ich diesen Prozess nach meinem Tod nennen möchte, wird vermutlich nicht ganz leicht sein. Es kann ein schmerzhafter Prozess werden – wenn man in der anderen Welt überhaupt von Schmerz sprechen kann. Ein schwerer Prozess der Selbsterkenntnis steht uns dann bevor. Nicht, um uns zu knechten, sondern wieder Teil von Gott werden zu lassen.
So verstehe ich das Leben nach dem Tod.
Und so vertraue ich darauf, dass am Ende alles in der Liebe sein und aufgehoben sein wird.
Und bis dahin will ich mich auf das Gute im Leben fokussieren. Ich will das Gute sehen, es fördern und mit entwickeln, wo ich nur kann. Das wird mir nicht immer gelingen, aber ich will es versuchen.


Die Gnade

Und ich vertraue auf die Gnade, die mir hoffentlich zuteil wird. Die Gnade, die dafür sorgt, dass am Ende nicht nur gerechnet wird, dass am Ende nicht nur Listen vorliegen, was ich alles falsch gemacht habe, sondern dass am Ende ein großzügiger Gott mir gegenüber steht und mir gnädig ist.
Zugleich gebe ich es auf, diese Welt retten zu wollen. Das ist nicht nur anstrengend und unmöglich, sondern auch anmaßend. Das ist nicht mein Weg, was aber eben nicht heißt, dass ich den Kopf in den Sand stecke.
Vielmehr möchte ich nicht nur liebend handeln und das Gute fördern, sondern auch durch meine liebende Achtsamkeit diese Welt mittragen. Und dazu gehören auch das Schwere und das Böse. Es ist wie bei “Die Schöne und das Biest”. Wandlung des Bösen und Hässlichen geschieht nur durch Liebe.
Und das ist für mich das durchgehende Thema und das, was trotz allem Bösen und Schlechten, trotz aller Dunkelheit und aller Not steht: Hinter allem steht die Liebe. Das ist das Gesicht, das ich hinter allen Fratzen, Sturmhauben und vor Leid verzerrten Gesichtern sehe. Ich sehe ein liebendes Angesicht.
Und das ist es auch, was mich nach wie vor an der Gestalt des Jesus von Nazareth berührt. Vor der Dunkelheit nicht weggelaufen zu sein, aber auch nicht den Kopf in den Sand gesteckt zu haben. Vielmehr in Liebe den Weg zu Ende gehen und dadurch diese Welt wandeln.
Vermutlich werde ich so weit nicht gehen können, aber vielleicht reicht ja auch ein weniger spektakuläres Leben und ein Ende, das weniger dramatisch ist, als das seine.


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