Sich der kollektiven Schuld stellen? Oder einfach vergessen?

16. Juli 2022

Das ist ein spannendes Thema, das mir Greta vorgelegt hat. Es geht um die kollektive Schuld, die aus der Vergangenheit herkommt. Gibt es sowas? Kann man sich dessen einfach entledigen?

Greta schrieb mir dazu Folgendes:

Lieber David, 

Mich interessiert das Thema “kollektive Schuld oder nicht”. Wir tragen offenbar Traumata oder Spuren von Traumata in uns und verhalten uns entsprechend z. B. in Form von kollektiven Ängsten (siehe Corona). Nun höre ich immer wieder von Einzelnen: Ich habe damit nichts zu tun, die Kriegsgeschichte ist vorbei. Es interessiert mich nicht, das Thema wird übertrieben und ausgenutzt.... Ich fühle mich nicht wohl bei solchen Ansichten. Es geht mir allerdings auch nicht darum, in der Vergangenheit hängenzubleiben. Höchstens darum, den Fakten ins Auge zu schauen, um weitergehen zu können. Was sagst Du dazu? Liebe Grüße Greta

Also, vielen Dank Greta, dass Du dieses Thema aufgreifst und mir als Frage gibst. Es ist ein spannendes und wichtiges Thema.


Was ist kollektive Schuld oder Kollektivschuld?

Ich fange ja gerne etwas grundständiger an, und so will ich es auch hier machen. Denn zu Beginn müssen wir klären, was denn eine kollektive Schuld ist. Zunächst muss klar sein, dass wir hier nicht in juristischen Begriffen sprechen. Juristisch gibt es meines Wissens so etwas wie eine Kollektivschuld nicht. Denn Kollektivschuld könnte dann ja auch bedeuten, dass ich aufgrund meiner Zugehörigkeit zu einer Familie mitschuldig an einer Tat bin, die ich aber selber nicht begangen und die ich weder vorbereitet noch davon gewusst hatte. Kollektivschuld heißt immer, dass ich nur aufgrund meiner Zugehörigkeit einer Familie, eines Dorfes, einer Stadt oder eines Landes schon schuldig geworden bin für eine Tat, die ich selber nicht begangen habe.

Also juristisch gibt es das meines Wissens eben nicht.

Aber es gibt das natürlich psychologisch und da ist sie hochgradig wirksam. Wir Deutschen kennen das, denn auch wenn wir juristisch mit der Nazizeit nichts zu tun hatten, weil wir später geboren wurden, so tragen wir doch alle diesen Schuldkomplex in uns. Ob wir wollen oder nicht.


Kollektivschuld wirkt!

Man hat erst in den letzten 20 oder maximal 30 Jahren festgestellt, dass Schuld etwas ist, das weitergegeben wird über die Generationen hinweg. Bernd Hellinger hat das besonders erkannt und damit gearbeitet. Er konnte sehr anschaulich und berührend aufzeigen, wie eine Tat in einer vorhergehenden Generation auf die übernächste oder sogar überübernächste Generation wirkt, auch dann, wenn sie nichts davon wussten. Da wurde vielleicht ein Onkel unrechtmäßig enterbt und in die Armut getrieben und dieses Ereignis hat Einfluss vielleicht 100 oder 150 Jahre später auf die dann Lebenden. Das kann dadurch geschehen, dass einer der Söhne finanziell einfach nicht auf die Beine kommt und immer wieder Schulden macht oder selber in einem Inkassobüro arbeitet, Anwalt für Erbschaften wird oder selber enterbt wird. Solche Zusammenhänge habe ich in sehr vielen Aufstellungen schon gesehen und es war immer berührend. Als Hellinger diesen Gedanken in die Psychotherapie brachte wurde er erst belächelt, dann bekämpft und dann hat man erkannt, Hellinger hatte recht. So geht das oft mit neuen Ideen.


Transgenerationales Geschehen

Wir sprechen hier also über ein transgenerationales Geschehen. Und ein solches Geschehen überspringt gerne eine Generation. Das heißt, nicht die Generation, die den Krieg erlebt hat, hat vor allem damit zu kämpfen, sondern deren Kinder und teilweise auch deren Kindeskinder. 

Du fragst Dich vielleicht, wie das denn möglich ist, dass ein Ereignis mich beeinflusst, von dem ich nichts weiß und die anderen um mich herum auch nicht? Wir leben in einem großen Bewusstsein, dem wir auch das Adjektiv göttlich geben. Ich habe den Eindruck, dass dieses Bewusstsein verschiedene Ebenen oder Dichten hat. Und eine der untersten Ebene ist vielleicht das Netz, das uns alle verbindet und über das Informationen, Zusammenhänge und Strukturen übermittelt werden.

Und dieses Bewusstsein oder dieses Netz ist es, das die Schuld überträgt und damit die Beeinflussung.

In der Psychotherapie kann man Kollektivschuld oft daran erkennen, dass diffuse negative Gefühle auftauchen, die sich keinem Thema richtig zuordnen lassen. Auch Projektionen und Überreaktionen kommen natürlich vor.

Es ist oft eine dunkle Glocke, die dann über dem Leben schwebt, ein diffuser dunkler Schleier, der alles verdüstert.


T-Shirt in Tarnfarben

Aber manchmal erkennt man es sogar an der Kleidung. Ich erinnere mich an eine Aufstellungsgruppe, da hatte eine Frau immer ein T-Shirt in Tarnfarben an. Eigentlich nicht wirklich etwas Besonderes. Aber in der Arbeit stellte sich heraus, wie stark sie innerlich mit dem letzten Weltkrieg verbunden war und dass sie immer noch daran trägt, daran, dass deutsche Soldaten Polen und die damalige UDSSR überfallen haben.

Es wäre spannend zu untersuchen, woher es kommt, dass bei den Computer-Spielen Kriegsspiele vorherrschend sind. Vielleicht kann man das auch auf eine Kollektivschuld beziehen - zum Beispiel die Kollektivschuld den Soldaten im Zweiten Weltkrieg gegenüber, dass man sie verheizt hat, dass ihnen die Jugend geraubt wurde, dass sie reihenweise sterben mussten und dafür nie einen Dank erfahren haben. Auch das kann sich in unserem Inneren und als Kollektivschuld zeigen, müsste aber genauer untersucht werden.


Wie kann man mit der Kollektivschuld umgehen?

Kollektivschuld auf der psychologischen Ebene kann ich zurückgeben, denn nicht ich habe etwas getan, sondern eine Generation vor mir. Das ist ein gängiges Ritual, etwas Schweres wie einen Stein in die Hand zu nehmen und es der Generation vor mir vertreten vielleicht durch meine Mutter zurückzugeben. Nicht mit Vorwurf oder Groll, sondern in Respekt und Verbundenheit. Das ist das Geheimnis.

Es bleibt natürlich gerade was die NS-Zeit und den Weltkrieg angeht etwas übrig, es bleibt die Zugehörigkeit zu einem, ich nenne es mal so: Tätervolk. Und die beste Art, mit einer solchen Schuld, wie für jede Schuld auch die rein persönliche gilt es, sie in Würde zu tragen. Oder anders ausgedrückt: Durch das Tragen der Schuld, wieder Würde zu erlangen. Das ist die einzige Chance eines Täters oder einer Täterin, wieder Würde zu erlangen, nämlich die Schuld anzunehmen während man auf die Opfer schaut. Dazu kann sogar gehören, dass man sich vor den Opfern verneigt.

Es hilft nicht in Selbstmitleid und Selbstanschuldigung zu leben, das verschlimmert alles.

Es hilft auch nicht, die Schuld zu ignorieren, sie zurückzuweisen, als hätte man damit nichts zu tun, als wäre es etwas, was mir völlig fremd ist. Auch das hilft nicht, es bleibt haften und kann weiter mein Leben und das meiner Kinder beeinflussen.


Schuld annehmen

Freiheit erlangt man durch Annahme der Schuld und Würdigung der Opfer. 

Das heißt natürlich in dem Bewusstsein, dass man selber nicht aktiv war, es geht natürlich nicht darum, sich etwas anzulasten, was man nicht getan hat. Es geht vielmehr darum, dass ich meine Zugehörigkeit zu diesem Volk anerkenne. Da führt kein Weg dran vorbei, weil ich in diese Zugehörigkeit hineingeboren wurde und sie auch nicht mehr loswerde.

Liebe Greta, wer sagt, ich habe damit nichts zu tun, ist verbunden damit. Frei wird man erst, wenn man damit verbunden ist. Vergessen wird auf Dauer (ich spreche von Jahrhunderten!) wichtig sein. Aber so weit sind wir noch nicht. Wir leben in einer Zeit, in der im Grunde nicht viel vergessen werden kann. Das Internet und das Computerzeitalter machen das fast unmöglich. Und so haben wir länger mit der Kollektivschuld zu arbeiten als andere Generationen.

Das Problem sehe ich derzeit noch darin, dass wir auch als Land noch keine wirklich adäquate Form gefunden haben, die Schuld anzuerkennen und die Opfer zu würdigen, indem wir sie anschauen. Es war vielleicht bisher auch noch nicht möglich. Aber es wird kommen müssen.

Es gibt übrigens auch ein kollektives Opfersein. Auch das ist ein Problem. Aber das führt jetzt zu weit.

Ich hoffe, Deine Frage ausführlich genug beantwortet zu haben. Ansonsten schreibe mir gerne.


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  • Lieber David,
    danke für den ausführlichen Bericht, der mir voll und ganz einleuchtet. Kollektives Opfersein und kollektive Schuld sind für mich ganz nah beieinander, bedingen sich gegenseitig.
    Mit Sicherheit ein interessantes Thema für ein anderes Mal.
    Sehr liebe Grüße, Greta

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